Zwischen den Zeiten

Nuri muss sich verstecken.

Er darf eigentlich nicht mehr hier sein. Sein Ansuchen auf Asyl wurde abgelehnt. Am Tag darauf ist er aus seiner Wohnung ausgezogen, die er mit einigen anderen Burschen geteilt hat. Nur wenige Menschen wissen genau, wo er jetzt wohnt. Bis Ende Juni darf er in der neuen Wohnung bleiben, sie gehört einem Bekannten und wird gerade nicht gebraucht.

Meine Freundin besucht ihn. Trotz allem. Nuri ist gesund und lebt seit einigen Wochen alleine, also eigentlich so gut wie in Quarantäne. Es ist seltsam, sagt sie, anders als Besuche sonst. Wenn sie in die Straße einbiegt, dreht sie sich öfter um und schaut, ob sie niemand beobachtet. Aber es ist eine ganz normale Wohnanlage, Kinder spielen hin und wieder auf den verzweigten Wegen. Meine Freundin ist froh, dass sie noch nie jemanden im Stiegenhaus getroffen hat. Einen Stock unter ihm wohnt ein Soldat, sagt Nuri.

Er hat Angst. Fast immer. Tagsüber hat er Angst, dass die Polizei läutet und ihn abholt. Nachts hat er Angst vor seinen Träumen und vor seiner Zukunft. Er geht kaum hinaus, nur hin und wieder, um das Nötigste einzukaufen. Etwa alle zwei Wochen schaut ein Betreuer bei ihm vorbei, den er von früher kennt, und gibt ihm etwas Geld. Nuri hat kein Einkommen, keine Beschäftigung und keine Krankenversicherung. Bevor er sich versteckt hat, war er in der Schule. Er wollte Matura machen und Krankenpfleger werden.

Meine Freundin kannte Nuri gar nicht so richtig. Sie hat vor einigen Monaten ein paar Mal mit ihm gelernt. Dann hat sie von jemand anderem erfahren, dass sein Asylbescheid in zweiter Instanz abgelehnt wurde und Nuri daher jeden Tag abgeschoben werden könnte. Manchmal sprechen sich solche Sachen herum. Wenn man in bestimmten Kreisen verkehrt, sagt meine Freundin, dann kann es sein, dass du sowas einfach von jemandem erfährst: Der oder die hat jetzt zwei Mal negativ. Das ist der Jargon, den alle kennen. Zwei Mal negativ heißt: Auch in der zweiten Instanz, dem Bundesverwaltungsgericht, wurde das Asylansuchen abgelehnt. Die Richter und Richterinnen entscheiden sehr unterschiedlich. Es ist nicht immer nachvollziehbar. In Nuris Fall hat der Richter entschieden, dass er eine innerstaatliche Fluchtalternative hätte, das heißt, er könnte innerhalb von Afghanistan in eine Region flüchten, in der kein Krieg herrscht. In Afghanistan gibt es derzeit aber kaum einen sicheren Ort, vor allem nicht für Burschen in Nuris Alter, und schon gar nicht für jene, die aus dem Westen kommen. Man erkennt sie an ihrem Aussehen und ihren Kleidern. Die Taliban sind ständig auf der Suche nach neuen Kämpfern. Nuri kennt außerdem niemanden in Afghanistan. Er ist im Iran aufgewachsen und war in seinem Leben noch nie in Afghanistan, wo lediglich seine Eltern geboren sind.

Als meine Freundin von seiner Situation erfahren hat, hat sie ihn einfach angerufen und gefragt, wo er jetzt wohnt und ob er gerne Besuch hätte. Es braucht immer einige Zeit, bis er auftaut, sagt sie, er ist sehr ruhig. Nuri hieß früher anders. Er war ein sehr kränkliches Kind. Bei ihnen ist es üblich, erzählte Nuri einmal, dass man kleinen Kindern, die in jungen Jahren sehr krank sind, einen anderen Vornamen gibt, weil man glaubt, dass der ursprüngliche Name Unglück gebracht hat. Als Kind konnte Nuri oft nicht essen. Meine Freundin sagt, sie weiß nicht, ob das alles so stimmt, von einer solchen Krankheit hätte sie noch nie gehört, ein Geschwür im Mund, das vor allem im Winter akut wird und das Schlucken erschwert. Ich sage ihr, dass es mit der Wahrheit nicht immer so einfach ist und dass ich finde, dass es egal ist, ob es genauso war oder ähnlich, und sogar, ob es diese Krankheit überhaupt gibt. Wichtiger ist doch, wie Nuri diese Zeit erlebt hat. Irgendetwas daran stimmt aber schon, denn er hat sehr schlechte Zähne und ein paar komische Narben in seinem Mund, sagt meine Freundin, und einmal habe er ihr ein Foto von sich als Kind mit einem Verband am Hals gezeigt, aber jetzt ist er anscheinend wieder gesund.

Sie bringt ihm ein paar Lebensmittel, Orangensaft, Obst, Brot und noch ein paar andere Dinge und legt alles in die Küche. In einer Woche muss er mit vierzig Euro auskommen, sagt sie, manchmal auch mit weniger. Nuri freut sich besonders über das Brot. Weil er sich nicht oft hinaustraut, hat er nur selten frisches Brot. Irgendwann sprechen sie über Nuris Familie, wie die Menschen im Iran mit dem Coronavirus umgehen und ob er Kontakt zu seinen Geschwistern hat. Er erzählt, dass seine kleine Schwester unlängst am Telefon gefragt hat, wann er denn endlich nach Hause komme. Da bekommt er plötzlich feuchte Augen und beginnt unvermutet zu weinen. Er verlässt das Zimmer und entschuldigt sich. Es ist ihm peinlich.

Meine Freundin ist dann bald gefahren und hatte ein schlechtes Gewissen. Ob dieses ganze Besuchen und Plaudern überhaupt einen Sinn hat, hat sie sich plötzlich gefragt. Wozu soll das gut sein, wenn er dann vielleicht noch trauriger wird? Sie, die mitfühlende Freundin, stellt auf einmal in Frage, ob sich Besuche lohnen, wenn jemand zu weinen beginnt. Ich schaue sie an. Es tut immer gut, wenn man das Gefühl hat, dass man einem Menschen ehrlich begegnen kann und sich nicht verstellen muss, sage ich, und dass es wohl dazugehört, dabei auch zu weinen. Es hat sie aber nicht losgelassen und sie musste ihm abends noch ein SMS schicken, dass bestimmt alles gut wird. Er hat gleich geantwortet, dann war sie wieder beruhigt.

Was könnte man tun, wenn man nicht arbeiten darf, niemand wissen soll, wo du wohnst und man eigentlich gar nicht hier sein darf? Sie hat nachgedacht und Nuri gefragt, ob er gerne zeichnet oder ob er schreiben möchte und ihm bei ihrem nächsten Besuch einen Malkasten, Kohlestifte und einen Zeichenblock mitgebracht. Damit hat sie ins Schwarze getroffen. Nuri ist außergewöhnlich talentiert. Als erstes hat er mit Bleistift ein großes Auge gezeichnet. Wie man mit Wasserfarben malt, musste ihm meine Freundin erklären, das kannte er nicht. Seine kleine Schwester hat während der Coronazeit heimlich das Schulheft ihrer großen Schwester vollgemalt, erzählte er lächelnd. Meine Freundin hat daraufhin Buntstifte und einen Zeichenblock für seine kleine Schwester gekauft. Sie könnten ihr ein Paket mit der Post schicken, hat sie gedacht. Dort, wo seine Familie wohnt, gibt es aber keine Straßennamen, und einen Briefträger hat er auch noch nie gesehen, sagt Nuri, aber er versucht eine Adresse in der Nähe herauszufinden, wohin man das Paket schicken könnte.

Die Besuche bei Nuri sind seltsam, sagt meine Freundin, es beginnt schon beim Betreten seiner Wohnung. In den Räumen, in denen er sich bewegt, scheint die Zeit still zu stehen. Das merkst du, denn nichts von dem, was in unserem Leben für gewöhnlich wichtig ist, nichts von alldem, um das wir uns sonst sorgen, über das wir uns ärgern, das uns beschäftigt, ist dort präsent. Dinge, die uns sonst nicht loslassen, sind mit einem Mal wie weggeblasen. Nichts in deinem Kopf, das schreit und drängt. Es gibt eine Zeitlang nur Nuri, der im Raum steht oder sitzt, Tee serviert, manchmal redet, manchmal schweigt, die Vorhänge zur Seite zieht, seufzt, lächelt. Es ist eine Reduktion auf das Wesentliche, und gleichzeitig auf die einzige Frage, die Nuri sich ständig stellt: Gibt es für mich noch einmal ein Leben? Und sie ist so dominant, dass es wie eine Auszeit für ihr eigenes Leben ist, sagt meine Freundin. Es gibt eine Vergangenheit in Nuris Leben, aber keinen Ort, wo Zukunft stattfinden könnte. Und doch lebt er jetzt hier, irgendwie zwischen den Zeiten.

Am Anfang ist meiner Freundin diese Ruhe ungewohnt vorgekommen, auf merkwürdige Weise aber auch angenehm. Sie ist ihr erst bewusst geworden, als sie die Heimfahrt angetreten hat, im Auto, als sie sich wieder auf den Straßenverkehr konzentrieren musste, die Plakate der wahlwerbenden Parteien im Vorbeifahren an sich vorüberziehen sieht, da bemerkt sie, dass sie jetzt wieder in die Welt da draußen eintritt. Sie ist jedes Mal froh, dass der Heimweg eine gute halbe Stunde dauert, weil sie die Zeit zum Zurückkehren ins andere Leben braucht.

Meine Freundin meint, dass wir uns vielleicht zu oft vom Wesentlichen ablenken, weil es ja in unserem Leben auch viele Möglichkeiten gibt, sich abzulenken, vor allem unbemerkt. Wenn Nuri sich ablenkt, dann lenkt er sich wissentlich ab.

Manchmal reden sie über Spaziergänge, die man machen könnte, Kochrezepte von früher, oder meine Freundin korrigiert seine Aufsätze, denn weil jetzt keiner mehr in die Schule geht und alle nur mehr zu Hause am Computer lernen, kann auch er wieder am Unterricht teilnehmen. Sie kennen beide, unausgesprochen, die eine Frage, um die Nuris Gedanken fast ständig kreisen, ob es doch noch eine kleine Chance gibt, dass er hier bleiben darf, oder ob es irgendwo ein anderes Land gibt, in dem er versuchen könnte, sich eine Existenz aufzubauen. Sie überlegen, wie es woanders wäre, oder was er machen würde, wenn er hier bleiben könnte, und manchmal sehen sie sich Nuris Zeichnungen an. Irgendwann geht meine Freundin dann wieder. Aber sie sagt, sie fährt jetzt nicht nur hin, um zu sehen, wie es Nuri geht, sondern auch, um sich selbst eine Auszeit zu nehmen.

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