Der Elefant im Raum

Timo kommt zum Abendessen. Ich habe ihn lange nicht gesehen. Er spielt jetzt im benachbarten Stadttheater. Wir reden über seine Proben, sein neues Engagement, seine Pläne. Wir reden über Tinder und ob man mit einer Frau zusammenwohnen kann ohne mit ihr zusammen zu sein. Dann fragt er mich irgendwann, wie es mir geht. Ich schaue ihn an. Naja, es geht, antworte ich, und erzähle ihm, wie schwierig es für mich mit Freunden und Bekannten manchmal ist. Denn die wenigsten Menschen können gut damit umgehen, dass ich nur ein Bein habe, sie sind unsicher und viele denken, dass sie fragen müssen, wie es mir denn damit geht. Sie wollen am liebsten hören, dass es mir schon besser geht, manche denken sich vielleicht sogar, es wäre unhöflich nicht danach zu fragen, wie es mir denn geht. Gar nicht darüber zu reden halten die meisten nicht aus. Vielleicht haben sie dann das Gefühl, die Geschichte mit meinem Bein steht wie ein Elefant im Raum und wir tun so, als ob er nicht da wäre und reden um den Brei herum. Denken sie. Aber wenn ich schließlich zum siebenundzwanzigsten Mal meine Geschichte erzähle, dann wissen sie auch nicht, wie sie reagieren sollen. Es entsteht oft eine mitleidige Stimmung, aus der wir nicht mehr leicht heraus kommen. Meist versuche ich, das Thema zu wechseln, weil es ja auch viele andere Dinge gibt, die mich weiterhin interessieren, und ich will auch überhaupt nicht immer über mein Bein reden.

Timo schmunzelt. Dann erzählt er, wie es ihm und seinem syrischen Freund oft geht, wenn sie neue Leute kennenlernen, die irgendwann fragen, woher sie kommen und sie erzählen müssen, dass sie aus Syrien geflüchtet sind. Viele Menschen machen sofort ein mitleidiges Gesicht. Ich kann es mir bildhaft vorstellen und muss lachen, als Timo sein Gesicht verzieht und es mir zeigt. Er hat eine großartige Mimik. Manche sagen dann, fährt er fort, oh, das tut mir leid, und viele fragen, ob die Eltern und Geschwister noch dort sind und wie sie das denn schaffen würden, sie hier und die anderen dort, und das muss doch bestimmt total schwierig sein. Das weitere Gespräch ist oft vorgezeichnet, es geht nicht mehr darum, was er mag und was er kann. Es ist vorbei mit der Unvoreingenommenheit, die Begegnungen zwischen Menschen so aufregend machen kann, wenn man sich kennenlernt, ohne Vorgeschichte und gerade daraus etwas Spannendes und Neues entsteht. Er wird reduziert auf den Umstand, dass er auch einer der „Flüchtlinge“ ist – oder zumindest schwingt diese Tatsache immer mit. Timo sagt, sein Freund und er versuchen die Frage des Gegenübers, woher sie denn kommen, zu erahnen. Sie machen sich einen Sport daraus, im richtigen Moment abzulenken und ein anderes Thema anzuschneiden. Ich kann sie gut verstehen, ihre Sehnsucht, als das wahrgenommen zu werden, was sie auch sind, zwei Burschen Anfang zwanzig, mit all ihren Fähigkeiten und Qualitäten, mit ihrem Humor und ihren Launen, im Hier und Jetzt.

Warum ist es so schwierig für uns, die geflüchteten Menschen zuallererst vorurteilsfrei als Menschen wahrzunehmen?

Ich frage mich, ob man den Elefanten im Raum, wenn er das denn tatsächlich ist, nicht auch einfach Elefant sein lassen kann, ob man die Syrerin nicht einfach Syrerin, den Afghanen einfach Afghanen sein lassen und dem Gespräch einen anderen Fokus geben kann – ohne dass es künstlich wirkt. Dazu müssten wir aber andere Fragen und andere Aspekte in den Vordergrund rücken lassen. Das sind wir nicht gewohnt. Die AMS-Beraterin sieht Timo durch die Brille des Arbeitsmarktes und fragt ihn, ob er sich vorstellen könnte als Koch oder Pflegehelfer zu arbeiten, denn da gibt es die meisten Jobs. So wie mein Arzt nur die Amputationsnarbe und der Orthopädietechniker nur die Prothese sieht. Sogar der Therapeut sieht oft nur die Muster seines Klienten. Nur der Liebende sieht den ganzen Menschen.

Deshalb ist es so schön zu erleben, wenn Menschen sich als liebevolle Patinnen und Paten der Geflüchteten erweisen. Was fehlt dir? Wonach hast du Sehnsucht? Was machst du gerne? Was kannst du gut? Was ist es, das du gelernt hast in deiner Situation, was du anderen geben möchtest? Ich glaube, das sind eher Fragen, die uns weiterbringen.

Jetzt im Sommer kann ich meine Prothese nicht so gut verstecken, genauso wie Timo seine dunklen Haare und Augen nicht verstecken kann. Es ist ja nicht so, dass man den Elefanten im Raum unbedingt ignorieren muss. Vielleicht kann man ihn auch einfach nur zur Kenntnis nehmen, da sein lassen, vielleicht ist er auch nicht in jeder Situation so riesengroß. Man muss mit mir auch nicht sofort über das fehlende Bein reden, und ob ich mich schon daran gewöhnt habe und wie es mit der Prothese geht. Man kann mir auch ganz einfach wie früher begegnen.

Einmal, hat Timo mir erzählt, ist er in ein Juweliergeschäft gegangen und hat sich umgeschaut. Er hat gespürt, dass der Verkäufer ihn mustert, sich innerlich fragt, was er da wohl möchte, mit seinen Blicken feststellt, dass er sich die meisten Schmuckstücke im Geschäft wohl ohnehin nicht leisten kann. Suchen Sie etwas Bestimmtes? Timo schaut ihn an, schaut ihm in die Augen. Er will nicht für einen potenziellen Einbrecher gehalten werden, der sich im Laden umschaut. Ja, sagt er, wissen Sie, es gibt eine Frau, die sehr viel für mich gemacht hat, ich möchte ihr gerne etwas Besonderes schenken. Da wandelt sich mit einem Mal der Blick des Verkäufers und mit ihm die ganze Situation. Er sieht Timo an, ist berührt, er berät ihn, sie plaudern, zwei Menschen, die sich begegnen, in Ehrlichkeit und Herzlichkeit, nicht mehr nur Verkäufer und Geflüchteter.

Ich mag sie, die Ohrringe, die Timo mir zum Geburtstag schenkt, weil ich die Geschichte dahinter so mag.

 

2 Gedanken zu „Der Elefant im Raum

  1. barbara1403

    Tut gut, die Klarheit deiner Worte! Danke wieder einmal!
    Es ist das Leben, das die Fragen stellt, und wir sind es, die antworten – aus logotherapeutischer Sicht. So wie wir es vermögen antworten wir, gefangen in unseren Erfahrungswelten und eingeschränkt durch unsere Perspektive, die wir auf uns und das Leben haben. Gefangen und doch frei, denn meist können wir wählen, aber nur sofern wir uns dessen bewusst werden. Alles Liebe wünsch ich dir!

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  2. Nicole Witthoefft

    Ja, so ist es. Schön beschrieben und sehr nachvollziehbar. Von meiner Perspektive scheint der Weg zum Anderen am Besten zu gelingen, wenn ich orientiert bin über mein Gegenüber. Es gibt mir Klarheit zu wissen was da drüben bei dir los ist. Es ist letztlich ein ganz normaler kommunikativer Orientierungsprozess. Urmenschlich könnte man sagen.
    Und auch nicht gut auszuhalten, aus der Perspektive des Gegenübers, das ist sehr klar zu verstehen. Und auch gut zu lesen.
    Letztlich geht es darum wie Kontakt gelingt, so dass er wohl tut, für alle Seiten. Eine gute Orientierung fürs Gegenüber ist auch: darüber zu reden tut mir nicht gut.
    Jetzt verstehe ich in jedem Fall noch besser als ich vorher verstanden habe. Vielen Dank dafür!

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