Mama, wie findet man eigentlich eine Freundin?

Wir sitzen im Garten. Mayiq erzählt mir von einem Freund, der sich verlobt hat. Er kommt auch aus Afghanistan und wohnt jetzt in Österreich, seine Verlobte jedoch lebt in England. Wieso in England, frage ich und wie kann er sich mit ihr verlobt haben, wenn sie gar nicht da ist und er nicht nach England darf. Mayiq klärt mich auf. Die Verlobung hat irgendwie am Telefon stattgefunden, die Eltern des Freundes haben das Mädchen ausgesucht, und sie hat zugestimmt.

Wie so oft ist mir vieles ein Rätsel und ich kann nicht einmal sicher beurteilen, ob ich wirklich alles genau verstanden habe, ob es mir nur so fremd ist und ich es deshalb nicht wirklich glauben kann oder ob es tatsächlich ein paar Ungereimtheiten gibt und irgendjemand in dieser Geschichte einfach ein paar Aspekte dazu erfunden hat. Aber manchmal geht es gar nicht darum, ob alles so hundertprozentig wahr ist. Mayiq lacht beim Erzählen, für ihn ist das Ganze auch eine Auseinandersetzung mit einem neuen, aufregenden Lebensentwurf, und ich merke, es steckt Bewunderung für seinen Freund dahinter und vielleicht auch ein wenig Neid.

– Träumst du auch vom Heiraten, frage ich ihn.

– Ja, aber ein bisschen später, meint er. Mama, wie soll ich ein Mädchen kennenlernen? Ich gehe in die Schule, dort sind fast keine Mädchen. Am Nachmittag fahre ich nach Hause, und am Wochenende gehe ich spazieren, oder ich bin bei einem Freund. Das ist nicht so leicht.

– Du musst dir aber selbst ein Mädchen suchen wenn du heiraten willst, scherze ich, oder soll ich eines für dich aussuchen?

Mayiq zögert.

– Ich weiß, bei euch suchen die Eltern ein Mädchen aus, sage ich, aber bei uns ist das nicht so.

– Ja, Mama, aber bei uns gibt es auch nicht so viele Möglichkeiten, ein Mädchen kennen zu lernen. ‚Bei uns‘ ist für ihn natürlich immer noch in Afghanistan.

– Es ist schon viel leichter, wenn sich die Eltern darum kümmern, stimme ich ihm zu, und ich meine es ernst. Du hast keinen Stress, dass du ein Mädchen findest, und wenn dich deine Eltern lieben, dann bist du sicher, dass sie ein nettes Mädchen für dich aussuchen werden.

– Ja, Mama, lacht er und freut sich sichtlich, dass ich ihn ein wenig verstehe. Einmal habe ich gesehen, wie ein Junge einfach ein Mädchen bei der Busstation gefragt hat, ob sie ihm seine Telefonnummer gibt. Ist das gut?

– Was? Nein, auf keinen Fall, sage ich, vielleicht hast du dich geirrt und die beiden haben sich schon gekannt. Bei der Busstation vor der Schule sieht man ja auch Schülerinnen aus einer anderen Klasse. Also wenn man ein Mädchen schon vom Sehen in der Schule kennt und dann ins Gespräch kommt, dann kann man es natürlich nach ihrer Nummer fragen. Aber doch nicht ein Mädchen, das du zum ersten Mal bei einer Busstation siehst. Ich erkläre ihm Banalitäten.

– Einmal hat mich am Bahnhof ein Mädchen nach meiner Nummer gefragt. Aber sie war komisch. Sie hat mich im Bus schon so angeschaut und dann beim Aussteigen ist sie mir nachgelaufen und hat mich nach meiner Nummer gefragt.

– Und? Hast du sie ihr gegeben?

– Nein, Mama, sie war komisch, ich war gar nicht in sie verliebt. Sie war dick.

– Ja, siehst du, am Bahnhof oder auf der Straße, da kannst du nicht so einfach irgendein Mädchen fragen, ob sie dir ihre Nummer gibt. Das geht nicht, das macht man bei uns einfach nicht.

Mayiq lacht.

– Aber der Junge bei der Busstation hat das Mädchen auch ganz einfach so nach ihrer Nummer gefragt.

– Das glaube ich nicht, bestimmt haben sie sich schon vom Sehen gekannt! Ich werde energischer. Du kannst nicht einfach so ein Mädchen auf der Straße nach seiner Telefonnummer fragen, das geht nicht! Und selbst wenn er sie nicht gekannt hat und sie danach gefragt hat, dann ist das kein Vorbild, verstehst du. Mach das bitte nicht!

– Ja, Mama, keine Angst, sagt er.

Aber ich merke, dass er trotzdem ein wenig unsicher ist, wie man sich in unserer Gesellschaft verhält. Und vor allem: Wo ist jemand, an dem er sich orientieren kann?

– Also, bei uns ist es so, dass man sich zuerst oft irgendwo unkompliziert kennen lernt, in der Schule, beim Sport,… ich hole aus. Ich meine, man kann sich schon auf der Straße kennenlernen, also wenn du zum Beispiel immer mit dem gleichen Bus fährst und ein Mädchen fährt auch immer mit dem gleichen Bus, dann kannst du sie schon grüßen oder anlächeln. Aber du musst ein bisschen versuchen zu spüren, ob sie das auch gut findet, ob sich dich auch mag. Also, wenn du zum Beispiel zu ihr sagst, schönes Wetter heute, und sie sagt, ja total warm und lacht dich an, dann ist das etwas anderes als wenn sie nur ja sagt und sich umdreht und weg geht.

– Ja, Mama, er tut gelangweilt, das weiß ich schon.

Ich komme mir vor wie ein Idiot, und gleichzeitig merke ich, dass wir gerade über ein Thema reden, das ihn vielleicht so wie kein anderes unglaublich beschäftigt. Ich lasse ihn nicht los.

– Ich glaube, du wünscht dir einfach einen Menschen, dem du alles sagen kannst, ein Mädchen, das dich total gut versteht, auch wenn du nichts sagst, das dich begleitet, mit dir durchs Leben geht, und ihr seid dann zu zweit und du bist nicht mehr alleine.

– Ja, sagt er.

– Hm, das verstehe ich. Du wirst ein Mädchen finden, ich bin sicher, flüstere ich schon fast.

Wir sind so verschieden, und doch verstehe ich ihn wirklich. Er ist alleine hier in Österreich und wünscht sich so sehr jemanden, der mit ihm diesen Weg geht, der ihn in seinem Leben begleitet. Er träumt von einer Frau, der er alles sagen kann, die spürt, was er fühlt, ihn auch angreift, berührt, hält, und auch er kann dann halten und zum Beschützer und Mann werden. Vielleicht eine Frau aus seiner Kultur, die, so wie er, ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Denn nur wenn sie beide Welten kennt, die afghanische und die westliche, und auch für sie alles genauso fremd und verrückt ist wie für ihn manchmal, kann sie ihn wohl ohne viele Worte verstehen.

Mir geht es auch so. Letzten Herbst wurde mir der Unterschenkel amputiert, und ich wünsche mir jemanden, der mich versteht und der spüren kann, was ich fühle ohne viel zu sprechen. Vielleicht jemand, der auch einen Arm oder ein Bein verloren hat, denn ich denke mir, dass nur ein Mensch mit diesen Erfahrungen mich wirklich verstehen kann. Zumindest jemand, der sich auch mit seinem Körper versöhnen muss, der beide Welten kennt, die unversehrte und die andere, jemand, der die intime Auseinandersetzung und die Trauer nicht scheut.

Es ist eine uralte Sehnsucht, denke ich. Wir wünschen uns so sehr jemanden, der uns begleitet. Und dann, sich vom anderen verstanden fühlen, und daraus wieder Kraft zum Leben in der Gesellschaft schöpfen. Vielleicht liegt der Schlüssel zu einem Teil auch darin, dass wir zulassen, dass uns auch andere verstehen können, die nicht genau das gleiche erlebt haben wie wir. Dazu müssen wir aber persönlich werden und unsere Gefühle miteinander teilen, beide. Das ist das Spannende und zugleich das Spirituelle am Zusammensein mit den zu uns geflüchteten Menschen, dass die Ähnlichkeit mit deinen eigenen Gefühlen plötzlich, in kleinen Momenten, so augenfällig wird, wie Schuppen fällt es dir von den Augen: Wir sind gleich.

 

3 Gedanken zu „Mama, wie findet man eigentlich eine Freundin?

  1. barbara1403

    Liebe Veronika! Mit deiner Klarheit, deiner Ehrlichkeit und deinem Mut dazu, bereicherst du so sehr. Dadurch, dass du eigene und fremde Gefühle nicht nur an- sondern auch aussprichst, wird die Realität spürbarer. Der Rest ist, was es an Banalem zu sehen gibt. Damit gibst du dich nicht zufrieden, du gehst näher hin.
    Ja, im Endeffekt tut uns allen wohl immer wieder gut, Menschen zu begegnen, mit denen die Distanzen des Lebens überwunden werden können, Austausch auch auf emotionaler Ebene möglich ist und Nähe entstehen darf; unabhängig von kultureller Prägung und individueller Lebenssituation.
    Auf ein baldiges Wiedersehen & alles Liebe inzwischen!
    Barbara

    Gefällt mir

    Antwort
  2. Barbara K.

    Wieder mal ein grandioser Text von Dir. Der Dialog ist so lebendig!
    Ich kann das gut nachempfinden. Wie erleichternd es sein kann mit jemandem zu sprechen, der das gleiche durchgemacht hat wie man selbst.
    Und dann doch wieder in Kontakt treten mit Menschen, die ganz andere Erfahrungen gemacht haben.
    Es bleibt spannend!

    Gefällt mir

    Antwort
  3. hhaschkatz8at

    Vroni! so schön! Ich brauch immer den richtigen Zeitpunkt zum Lesen deiner Auszeit. Danke dafür, du bist echt einzigartig! ❤ ❤

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s