Archiv für den Monat Februar 2019

Wut

Es ist Samstag, der letzte Tag bevor ich ins Spital muss. Der plastische Chirurg hat mir alles erklärt. Sie werden den Tumor am Unterschenkel entfernen und um die Wunde zu schließen einen Muskel am Rücken und Spalthaut vom Oberschenkel entnehmen. Ich habe teilnahmslos und gleichzeitig interessiert zugehört, als ob es um eine andere Person als um mich ginge. Morgen werde ich im Spital aufgenommen.

Ich hatte das Bedürfnis, einigen für mich wichtigen Menschen mitzuteilen, dass ich sie in guter Erinnerung habe und wir eine besondere Zeit verbracht haben. Es ist eine große Operation, man weiß ja nie. Auch Mayiq möchte ich gerne noch einmal sehen. Irgendwie hat es sich nicht ergeben in den letzten Tagen. Er arbeitet in einer Pizzeria in einer anderen Stadt, und an seinem freien Tag hatte ich keine Zeit. Immer wieder hat er gefragt, ob ich nicht hinkommen will, gemeinsam mit meinem Mann und den Kindern, die aber nie richtig Lust verspürten. Nun wird die Pizzeria in wenigen Tagen schließen. Wir telefonieren, aber ich bin nicht richtig bei der Sache. Ich fühle mich verantwortlich für ihn und will ihn gerne treffen – und gleichzeitig will ich ihn gerade heute auch wieder nicht sehen, oder nur kurz, weil ich den letzten Abend vor diesem längeren Spitalsaufenthalt in Ruhe mit meiner Familie verbringen will. Wir vereinbaren, dass wir am Nachmittag noch einmal telefonieren. Ich sage ihm aber gleich, dass er nur kurz vorbeikommen kann, weil ich noch meine Sachen packen muss und dass er am Abend keine Pizza bringen soll, weil wir wahrscheinlich schon früher essen. Das mit dem Packen ist natürlich eine Notlüge. Ich bin nervös und will einfach nichts planen.

Der Tag neigt sich dem Ende zu, und ich wünschte er würde nie aufhören. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, im Spital zu sein, noch dazu im Sommer! Aber vielleicht ist ja alles in zwei Wochen vorbei. Ich fühle mich schon jetzt allein gelassen von meiner Familie. Da ruft Mayiq an. Er möchte uns gerne heute Pizza bringen, es ist vielleicht der letzte Tag, an dem die Pizzeria offen hat, und welche wir denn wollen. Ich bin sofort schlecht gelaunt. Er hat mich offenbar nicht ernst genommen am Vormittag. Mayiq, es geht nicht, wir haben schon etwas anderes gekocht, sage ich unwirsch ins Telefon, ich habe dir doch gesagt, dass du nichts zu essen bringen brauchst. Mayiq lässt sich überhaupt nicht abbringen, er möchte uns heute gerne auf Pizza einladen, uns alle, und schließlich will er mich ja auch noch sehen. Mayiq du kannst nur kurz kommen, schreie ich ins Telefon, ich muss noch meine Sachen packen, ich habe keine Zeit! Außerdem wird die Pizza kalt bis du bei uns bist. Er lässt sich von meinem Geschrei kaum beeinflussen, ob ich ihn denn nicht vielleicht abholen könnte. Ich raste aus. Mayiq, ich habe überhaupt keine Lust dich mit dem Auto von irgendwo abzuholen, verstehst du, es ist mein letzter Tag bevor ich ins Spital muss! Was machst du, Mama, fragt er mich? Es ist egal was ich mache, ich habe keine Lust, schreie ich. Ich bin total wütend. Aber irgendwie tut er mir auch leid und ich verstehe ihn. Ich habe ihm viel geholfen, und jetzt arbeitet er in dieser Pizzeria, und es ist für ihn eine Gelegenheit etwas für mich zu tun. Außerdem hat er keine Familie und er wünscht sich nichts sehnlicher als meiner Familie Pizza mitzubringen und sie gemeinsam mit uns zu essen. Ich seufze ins Telefon. Wenn ich nicht so wütend wäre… Er wartet auf meine Reaktion und ich spüre, wie wichtig es ihm ist und wie schön er sich alles ausgemalt hat in seinem Kopf. In Wirklichkeit habe ich nichts Besonderes zu tun, sage ich mir, wenn ich ehrlich bin, weiß ich mir gerade nichts mit mir selbst anzufangen und habe das Gefühl, es versteht mich ohnehin keiner.

Man sucht sich den einen Flüchtling, um den man sich besonders kümmert, nicht bewusst aus, denke ich, aber vielleicht stimmt das auch nicht. Mit Mayiq war es so, dass mich eines Samstag nachmittags eine Bekannte anrief. Sie wollte ihn nach einem Spielenachmittag ins Flüchtlingsquartier zurückbringen, er wohnte in Wirklichkeit aber gar nicht dort. Er hatte ausziehen müssen aus seinem Privatquartier und wollte einfach in das Heim zurück, das er schon kannte und in dem seine Freunde waren. Ich sagte zu, mich in der nächsten Woche um einen Wohnplatz für ihn zu kümmern. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihn zwei Mal bei anderen Gelegenheiten gesehen. Weil die Suche nach einer Unterkunft dann ziemlich kompliziert war, ergab es sich, dass wir weiterhin viel miteinander zu tun hatten und ich begann, mich für ihn verantwortlich zu fühlen – es war auch niemand anderer sonst da. Ich mag ihn gerne, aber ich finde, er lacht viel zu oft, auch wenn es gar nicht passt. Überhaupt hat er einen eigenartigen Humor, und wenn er bedrückt ist, redet er gar nichts. Heute weiß ich, dass er mit ziemlicher Sicherheit traumatisiert ist.

Vor ein paar Tagen habe ich einen kurzen Vortrag über ehrenamtliche Arbeit vor einer kleinen Gruppe von Studierenden gehalten. In der anschließenden Diskussion haben wir überlegt, ob und wie sie in unserem lokalen Flüchtlingsnetzwerk mithelfen könnten. Ich erzählte, beantwortete Fragen und fand mich ziemlich in Fahrt – während die anderen teilweise mit ausdruckslosen Gesicht da saßen und manche aus meiner Sicht sogar gelangweilt wirkten. Warum kann ich sie nicht begeistern, fragte ich mich. Erst ein paar Tage später konnte ich es mir ein wenig erklären. Diese Menschen wussten überhaupt nicht, was sie wollten, irgendwie hatten sie die vage Idee, dass sie helfen könnten – vielleicht weil Helfen doch eine gute Sache ist. Ob der direkte Kontakt mit fremden, geflüchteten Menschen aus einer anderen Kultur aber überhaupt etwas für sie ist, da waren sie ziemlich unsicher. Und ich? Ich finde ja das Gefühl, jemandem geholfen zu haben, ist tatsächlich ein wunderschönes. Ich habe allerdings an diesem Abend kaum über meine Gefühle gesprochen, und wie es für mich wirklich ist, dass es mir zuallererst um den direkten, echten Kontakt, um die Begegnung geht – und dass dann, meist über Augenkontakt, dieses unsichtbare Band entsteht, das uns Menschen verbindet.

Das war für mich wahrscheinlich eine der wichtigsten Erfahrungen in den letzten Jahren, diese klare und tiefe Verbindung mit wildfremden Menschen aus ganz anderen Ländern zu spüren. Sie ist bei einigen Flüchtlingen, die ich kennengelernt habe, sofort da gewesen und sehr stark, und bei manchen ist sie nur ein dünner Faden. Mit Mayiq ist es so, dass ich diese Verbindung immer wieder suchen muss, sie ist nicht so offensichtlich wie bei anderen. Ich finde sie dann manchmal auch erst, wenn ich durch meine Gefühle, meinen Ärger oder meine Wut gegangen bin. Vielleicht ist das auch in allen Beziehungen so. Ich habe es nur jetzt erst so richtig verstanden.

Ich beschließe ihn abzuholen, hauptsächlich weil ich mit ihm reden möchte. Ich will von ihm ernst genommen werden. Es ist ein heruntergekommenes Fast Food Restaurant, aber er präsentiert sich so stolz als ob er der Besitzer wäre. Zuhause essen wir nur einen Bruchteil der Pizza. Wir reden darüber, ob Frauen in Afghanistan selbst entscheiden dürfen, wann sie Besuch bekommen wollen, wenn sie zum Beispiel ein Baby geboren haben, und ob es in Krankenhäusern überhaupt Essen gibt. Ich muss mir immer wieder konkret vorstellen, wie Mayiq aufgewachsen ist, dann kann ich ihn besser verstehen. Gleichzeitig mache ich ihm lautstark klar, wie wichtig es für mich ist, selbst entscheiden zu können und ich schärfe ihm ein, dass er mich erst im Spital besuchen darf, wenn ich es erlaube.

Es waren dann mehrere Krankenhausaufenthalte. In zwei Wochen war noch nichts erledigt. Einmal durfte er mich schließlich besuchen kommen – und ich habe mich total gefreut.