Archiv für den Monat September 2018

Zu wenig

Egal was ich tue, es ist immer zu wenig.

Mayiq hat einen positiven Bescheid. Jetzt macht er den Hauptschulabschluss nach, aber der Kurs, in den ihn das AMS gesteckt hat, ist lächerlich. Es gibt keine Mathematik-, Biologie- oder Englischlehrer, daher wird Mayiq nur in Deutsch unterrichtet. Der Hauptschulabschluss ist ein fake. Ich sollte mich aufregen oder mich nach einem besseren Ausbildungsplatz erkundigen. Er möchte auch ins Fitness-Center gehen. Ich könnte ihm eine Monatskarte bezahlen. Letzten Mai hat er mir eine Nachricht geschickt: „Alles Gute zum Muttertag!“ Ich habe immer wieder das Gefühl, es ist zu wenig, was ich für ihn tue.

Timo ruft mich an. Manchmal seufzt er nur am Telefon. Manchmal erzählt er mir von den Dingen, die ihn beschäftigen. Jetzt möchte er plötzlich ein Buch schreiben. Es soll den Titel haben: „Was hundert Syrer denken.“ Er möchte dazu hundert Syrer auf der ganzen Welt interviewen und beweisen, dass sie ganz ähnlich wie wir denken. Ich finde es eine großartige Idee, richtig gut, aber sonst fällt mir nicht viel mehr ein. Ich habe ihm zugehört, aber ich denke, das ist zu wenig. Könnte ich ihm nicht weiterhelfen, damit er diese Idee auch umsetzen kann?

Mucib, der Lässige, er hat einen Sprachfehler, er lispelt, vielleicht ist er deshalb so schüchtern. Immer schickt er jemand anderen vor, um mit mir zu reden. Nur einmal, als wir an einem warmen Sommerabend spazieren gegangen sind, hat er mir erzählt, wie er, als die Luft des Schlauchboots auf dem Weg übers Meer ausging, verzweifelt geheult hat, und sie aber schließlich gerettet wurden. Sein Deutsch ist mager. Er ist auch einer von denen, die ich lieber wortlos umarmen würde, anstatt gute Ratschläge zu geben. Mucib zittert jetzt davor, dass sein Antrag auf subsidiären Schutz nicht verlängert wird. Seinem Freund ist das gerade eben passiert. Manchmal gehe ich mit ihm und seinen Freunden Mittag essen. Ich weiß nicht, was ich tun sonst könnte. Ich habe nur das Gefühl, es ist jedenfalls zu wenig.

Und dann natürlich die Arbeit für das lokale Flüchtlingsnetzwerk, sich mit anderen vernetzen, sich engagieren gegen Abschiebungen, Öffentlichkeitsarbeit, man könnte Briefe schreiben, einen besseren Auftritt auf facebook gestalten, Kontakte knüpfen, sich organisieren, und vieles mehr. Es ist immer zu wenig.

Sofort nach Ute Bocks Tod bin ich für ein paar Wochen in ein richtiges Fieber verfallen. Die Nachricht, dass sie gestorben ist, hat mich getroffen, völlig unerwartet, denn ich habe sie nicht gekannt, ich bin ihr nie begegnet. Ich kannte nicht einmal Leute aus ihrem Verein. Was hat diese Person ausgemacht? Wie hat sie es geschafft, so viele in ihren Bann zu ziehen? Die Demonstration am Heldenplatz war beeindruckend. Es gibt zwei Filme über Ute Bock: Einen Dokumentarfilm und einen Film mit nachgestellten Szenen. Es spielen Josef Hader, Karl Markovics, Roland Düringer und andere – nur Ute Bock spielt nicht, sie ist immer sie selbst. Ihr Standpunkt war immer die Menschlichkeit, ohne Ausnahmen, und sie war in keiner Weise korrumpierbar. Nie. Das war aus ihrem Leben und ihrem täglichen Handeln ersichtlich. Sie hat viele Jahre in demselben Haus gelebt, in dem sie gearbeitet hat, ist nur zum Schlafen einige Stockwerke höher in ihre Wohnung gegangen, oft erst sehr spät abends, um am nächsten Tag wieder früh aufzustehen und von vorne zu beginnen. Sie hat kaum ein eigenes Privatleben gehabt. Und doch hatte sie dasselbe Gefühl: Was ich tue, ist zu wenig. Absurd.

Ich kenne auch Menschen, die drohen, an der ehrenamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen zu zerbrechen oder ihr Engagement zurück geschraubt haben: Weil der Staat ihre Bemühungen nicht unterstützt; weil es zu traurig ist, wenn Menschen abgeschoben werden, untertauchen, verschwinden; weil die geflüchteten Menschen den Kontakt zu ihnen abgebrochen haben; weil sie das Gefühl haben nichts oder zu wenig „zurück zu bekommen“.

Wie können wir eine Balance finden, zwischen Engagement und Ausruhen, Anspannung und Entspannung? Wann ist genug getan? Wie bekommt man in der ehrenamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen das Gefühl, dass es gerade recht ist?

Oder liegt es doch an mir? Dass ich ständig das Gefühl habe, ich tue zu wenig, ich tue das Falsche, ich vergeude meine Zeit mit Unwichtigem… Das Schlimmste ist meine plötzliche Unlust, die mich manchmal überkommt. Ich mag dann nicht mehr. Gar nichts mehr. Vergrabe mich unter einer Decke und träume davon, in einer besseren Welt aufzuwachen.

Wer mich hier rausholt? Ich habe das Gefühl, es sind die Frauen. Madita, die tschetschenische Köchin, die mich in ihre intimsten Geheimnisse einweiht und mir von ihrem platonischen Liebhaber erzählt, den sie übers Internet kennengelernt hat. Er ist über zehn Jahre jünger. Ihren Mann hat sie nie geliebt, aber das ist in Tschetschenien anders, mit fünfundzwanzig solltest du heiraten, sagt sie, sonst finden dich die anderen Leute komisch. Mit ihren Brandwunden an den Beinen hatte sie das Gefühl gehabt, sie findet keinen Mann mehr. Madita sorgt für ihre drei Kinder, und sie hat oft ein verschmitztes Lachen, wenn sie nach Worten sucht.

Oder Shakira, die mich in jeder whatsapp Nachricht nur Schatzi oder Süße nennt. Sie wäre in Afghanistan verheiratet worden und hätte ihr Studium nie beenden können. Ich konnte mich nicht wehren, als sie mir ihren knallroten Lippenstift auf die Lippen geschmiert hat, weil doch der erste Frühlingstag ist, hat sie gemeint. Diese Frauen kann man auch umarmen, wenn man nicht mehr weiter weiß.

Ich muss Madita wieder sehen. Und Shakira. Von ihnen kann man leben lernen.

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Diesen Blog habe ich vor etwa sechs Wochen geschrieben. Vor vier Wochen habe ich erfahren, dass ich einen bösartigen Tumor am Unterschenkel habe. Jetzt hat sich vieles geändert, auch in meinem Denken. Eines davon ist das: Es war nicht zu wenig, was ich getan habe.