Die Verhandlung

Seit vier Stunden sitze ich in dem kahlen Raum. Es riecht nach neuem Teppichboden. Mayiq sitzt etwa fünf Meter vor mir mit dem Rücken zu mir, ich kann sein Gesicht nicht sehen. Der Tisch des Richters ist etwas erhöht ihm gegenüber. Es ist drückend heiß. Immer wieder richtet er sich seine schwarze Robe zurecht und fährt sich durchs Haar. Er wirkt ein wenig genervt, manchmal auch traurig und nicht ganz bei der Sache. Er steht auf und öffnet das Fenster. Die Jalousien klappern im Wind, Verkehrslärm erfüllt den Raum, die Protokollführerin muss rückfragen, weil sie die Antworten nicht versteht.

Seit vier Stunden unaufhörlich Fragen: Aus wie vielen Personen besteht ein Polizeiposten? Was haben die anderen Polizisten getan, als ihr Bruder die Taliban getötet hat?  Meist sieht der Richter Mayiq direkt an, dann wieder die Übersetzerin, oder er blättert in seinen Unterlagen. Mayiqs Rechtsberater überreichte dem Richter am Beginn der Verhandlung einen Stoß Zettel. Bevor es zur Verhandlung kam, hatte ich Kontakt mit Mayiqs Klassenlehrerin aufgenommen. Sie initiierte die Schüler und Schülerinnen dazu, etwas für Mayiq zu schreiben, wie sie ihn wahrnehmen, was sie ihm wünschten. Über zwanzig handgeschriebene A4-Seiten von Mädchen und Burschen aus acht verschiedenen Nationen seiner Klasse liegen nun auf dem Tisch im Gerichtssaal. Ich habe die Lehrerin nie gesehen, aber ich nehme mir vor, ihr noch einmal ausführlich dafür zu danken. Jeder tut, was er kann, denke ich, und manchmal weiß man nicht, was man bewirkt.

Mayiq versucht gewissenhaft zu antworten. Er hat seinen Rucksack auf dem Schoß und hält sich daran fest. Warum stellt er ihn nicht einfach auf den Boden? Ich hätte ihm sagen müssen, dass er sich bequem hinsetzen kann, denke ich. Wir alle, der Richter, die Schriftführerin, der Rechtsberater und ich lauschen der Übersetzerin. Manchmal sind Mayiqs Sätze viel länger und sie übersetzt sie nur mit ein paar kurzen Worten. Manchmal ist es genau umgekehrt, er antwortet kurz und sie holt länger aus, um uns seine Antworten zu erläutern. Unlängst erzählte mir ein Bursche, der Übersetzer habe ihm beim Hineingehen in den Verhandlungssaal, als er gesehen habe, wie nervös er war, zugeflüstert: Du brauchst keine Angst zu haben, du bekommst eh einen positiven Bescheid.

Es ist noch immer unerträglich heiß, der Richter öffnet ein weiteres Fenster. Wurden bei dem Vorfall auch Zivilisten getötet? Wie viele? Haben Sie gesehen, wie sie getötet wurden, fragt er weiter. Da wird das Fenster vom Wind zugeworfen und klemmt die Jalousie ein. Der Richter fährt herum. Rasch schließt er beide Fenster und beteuert aufrichtig, dass die teuren Jalousien auf keinen Fall kaputt werden dürfen. Der Satz reißt mich aus meinem Trance-Zustand. Seine Stimme klang plötzlich ganz anders, besorgt, menschlich und sehr natürlich. Ich bin verwirrt und auch ein wenig erstaunt. Fahren Sie fort, meint er gleich darauf zu Mayiq. Er hat seine gewohnte Amtsstimme wieder gewonnen. Haben Sie gesehen, wie die Menschen getötet wurden? Wir sind zurück, mitten in Mayiqs Fluchtgeschichte, nur ich brauche noch etwas länger. Nein, übersetzt die Dolmetscherin, ich habe nur gesehen, wie die Toten in einem alten Lastwagen am nächsten Tag wegtransportiert wurden. Ich habe nicht gesehen, wie viele es waren, aber es waren schon viele.

Ich bin erschöpft, obwohl ich seit vier Stunden nur da sitze und zuhöre. Manchmal schicke ich Stoßgebete ins Universum. Mayiq muss zum dritten Mal in dieser Woche seine Geschichte erzählen. Ein paar Tage vorher gingen wir zu einer privaten Rechtsanwaltskanzlei, um uns beraten zu lassen. Mayiq erzählte seine Geschichte, immer wieder stockte er, er war nervös und hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Sie müssen gut vorbereitet sein, schärfte ihm die Anwältin zum Schluss ein, und Sie müssen vor allem fit sein. Als wir hinausgingen sah sie mich an. So schafft er das nicht, meinte sie. Machen Sie mit ihm eine Zeitleiste, er soll versuchen, sich nochmal an alles genau zu erinnern. Mir fielen plötzlich die guten Ratschläge der Sozialarbeiter in den Flüchtlingseinrichtungen ein: Wir sollen keine Fragen stellen, vor allem nicht zur Flucht, wurde den ehrenamtlichen Helferinnen immer wieder eingeschärft. Ich sah zu Mayiq neben mir, es war eine unendlich traurige Geschichte.

Ich nahm mir vor, mit ihm eine Zeitleiste zu machen. Ein paar Tage vor der Verhandlung fragte ich Mayiq, ob er das mit mir machen wollte. Wir saßen auf der Terrasse im Schatten. Ich holte ein Blatt Papier und ein paar Buntstifte und trug in etwa die Daten ein, die in seinem ersten Protokoll standen. Langsam kam Leben in ihn, er begann sich zu erinnern. Wir gingen die wichtigsten Daten durch, aber die Monate und Tage kamen ihm immer wieder durcheinander. Der afghanische Kalender ist nicht derselbe wie unserer. Ich sah überhaupt keinen Sinn mehr in dieser Übung. Es war heiß, er war müde. Dann kamen wir zu dem Tag, an dem sein Cousin getötet wurde. Er legte seine Arme auf den Tisch und bettete seinen Kopf darauf. Wir schwiegen eine Weile. Sollen wir für ihn beten, fragte ich. Mayiq gab keine Antwort. Ein wenig später sagte er, er wollte nur ein wenig schlafen. Ich zündete mir eine Zigarette an, trank einen Schluck Wasser und setzte mich ein paar Meter weit weg von ihm. Wir können die afghanischen Burschen nicht in den Arm nehmen, so wie es uns natürlich erscheinen würde. Er war mit seiner Trauer alleine, aber ich wollte zumindest neben ihm bleiben. Nach einiger Zeit meinte er, er möchte weiter machen. Wir redeten noch ein bisschen, dann packte ich die Zettel weg. Er wollte sie nicht mitnehmen, ich sollte sie für ihn aufheben. Als er weg war, versenkte ich sie in meiner untersten Schreibtischlade.

Endlich scheint die Verhandlung zum Ende zu kommen. Das Protokoll wird ausgedruckt und Mayiq muss es nochmals durchlesen. Ob er noch etwas sagen möchte, fragt der Richter. Ich habe das Recht zu leben, und ich möchte nicht sterben, sagt Mayiq. Ein Satz in aller Klarheit, so kenne ich Mayiq gar nicht. Er hat wahnsinnige Angst abgeschoben zu werden, ich weiß es, habe es immer wieder verdrängt in den letzten Wochen und manchmal versucht ihn aufzumuntern. Wenn das alles vorbei ist, feiern wir ein Fest, habe ich mir geschworen.

Was würde ich machen, wenn Mayiq einen negativen Bescheid bekommt und abgeschoben werden soll? Ich kann es mir nicht vorstellen. Würde ich versuchen, es zu verhindern? Ihn in unserer Wohnung verstecken? Und wenn die Polizei kommt? Ich kann gut lügen. Ich stelle mir vor, dass ich den Polizisten einen Tee oder einen Schnaps anbiete, wenn sie mitten in der Nacht kommen. Sie würden mir wahrscheinlich glauben, wenn ich sage, ich habe keine Ahnung, wo er ist. Aber ich bin nicht gemacht für solche Aktionen. Ich würde vor Angst sterben. Manchmal denke ich, mir ist noch nie etwas wirklich Schlimmes im Leben passiert. Ich hatte Krisen, aber es ist immer irgendwie weitergegangen.

In den kommenden Wochen muss ich immer wieder an den Richter denken: Was macht er wohl jetzt gerade? Hat er Kinder? Geht er ins Fitness-Center? Brütet er über alten Akten oder hat er gerade eine Verhandlung? Manchmal stelle ich mir vor, dass er gerade jetzt Mayiqs Bescheid verfasst, dann schicke ich ihm meine Gedanken.

Mitten im Urlaub bekomme ich eine Nachricht von Mayiq, ein Bild von seinem positiven Bescheid. Ich kann es kaum fassen und rufe ihn gleich an. Hallo Mama, lacht er ins Telefon. Er ist gerettet. Ich auch.

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