Archiv für den Monat Juli 2017

Verstehen

In Aleppo ist es jetzt angeblich wieder ruhiger.

Timos Eltern und seine jüngere Schwester wohnen im Nordwesten von Aleppo, in einem vom Assad- Regime kontrollierten Stadtteil. Timo telefoniert von Zeit zu Zeit mit ihnen. Die Eltern melden sich, wenn sie Internetempfang haben. Dann versucht Timo meist rasch zurückzurufen. Wenn er zu viel Zeit vergehen lässt, kann es passieren, dass er sie nicht erreicht. Oft schicken sie sich auch Sprachnachrichten. Manchmal melden sie sich tagelang nicht. Es gibt Telefonate, die voller Tränen sind und solche, die eher an der Oberfläche bleiben. Zwei Welten. Wie sollen die Eltern dort verstehen, warum der Sohn da drüben in dem reichen Europa nicht schon längst arbeitet und Geld verdient? Und warum schickt er ihnen keines?

Ich weiß nicht, wie man sich fühlt, wenn die Eltern und die kleine Schwester im Krieg sind, während man selbst weit weg und in Sicherheit ist. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Beziehung zu ihnen ist noch ein bisschen leichter für Timo, wenn es ihm hier auch schlecht geht. Wenn es ihm gut geht, hat er oft ein schlechtes Gewissen, wenn er an seine Familie denkt. Wenn es ihm sehr gut geht, dann kann er nicht anders, als den Kontakt zumindest kurzzeitig abzubrechen. Dann wird es zu schwierig.

Timo bereitet wieder mit einer Theatergruppe eine Aufführung vor. In dieser Phase der intensiven Probenzeit wird die Kluft zwischen seiner Familie dort im Krieg und seinem Leben hier in Frieden unerträglich groß. Er hat schon lange nicht mehr mit seinen Eltern telefoniert. Was soll er ihnen von sich erzählen? Dass er hier bei einer Theateraufführung mitmacht, Tanz- und Gesangsunterricht hat, und dass ihm das total Spaß macht – während sie in Aleppo fürchten, dass in ihrem Haus eine Bombe einschlägt? Wasser, Strom und Gas sind dort knapp. Lebensmittel sind um ein Vielfaches teurer geworden. Timo sagt, ein Kilo Tomaten kostet hundertmal mehr als früher. Es wird in den Telefonaten nicht viel über Geld geredet, aber irgendwie steht das Thema im Raum. Seinen Eltern ist es unangenehm, direkt zu sein und zu fragen, ob er ihnen Geld schicken kann – und er kann nicht erzählen, dass er kein Geld hat. Er fühlt sich dann schlecht, weil er keines verdient. Also reden sie Smalltalk: Wie geht es dir? Danke gut. Und dir? Ja, danke, geht so. Das ist schwer erträglich. Also ruft Timo nicht zurück. Aber dann hat er Angst, dass sie glauben, er hätte sie vergessen und würde nicht an sie denken. Ich glaube, er schämt sich in diesen Momenten auch für seine aufflammende Lebensfreude. Er meint, er wird dann anrufen, wenn er ihnen sagen kann, dass er Geld geschickt hat. Aber er hat kein Geld, es ist jedes Monat zu wenig. Das, was er über sein Leben hier erzählen könnte, würden sie nicht verstehen.

Ich werfe ein, dass es vielleicht noch andere Möglichkeiten gibt, miteinander zu kommunizieren. Er könnte einen Brief schreiben, ihn fotografieren und über whatsapp schicken, einen längeren Text, in dem sich Dinge besser erklären lassen. Er könnte anrufen und seinen Eltern die Wahrheit erzählen, dass der Smalltalk für ihn manchmal unerträglich ist, dass er sie liebt und dass sie nicht glauben dürfen, er hätte sie vergessen, nur weil er nicht anruft. Er schaut mich ungläubig an. Ich merke, wie weit weg das alles für ihn ist. Aber vielleicht bin ich auch einfach mit meinem Luxusleben weit weg von seiner Situation. Ich sage ihm, dass seine Mutter ihn liebt und ihn immer lieben wird, ob er anruft oder nicht, und dass sie ihn kennt, weil sie ihn aufgezogen hat. Eine Mutter kennt ihr Kind ja von ganz verschiedenen Seiten. Er meint, seine Mutter kennt ihn nicht mehr. Sie hat ihn schon so lange nicht gesehen, sie weiß nicht, wie er heute ist, wie er sich verändert hat. Wir schweigen. Timo ist von zu Hause weggegangen als er etwa vierzehn oder fünfzehn war. Jetzt ist er zwanzig.

Dann erzähle ich ihm, dass es vielen Burschen so geht, dass er nicht alleine ist. Mir fällt die Geschichte von Tajib ein: Tajib hatte vor ein paar Monaten eine neue Handynummer bekommen. Als ich ihn einmal gefragt habe, wie es seiner Mutter in Afghanistan geht, und ob sie schon gesund wäre, meinte er, er wüsste es nicht, sie hätten schon lange nicht mehr telefoniert. Ich war überrascht und verblüfft, aber ich wollte es mir nicht anmerken lassen. Ich schaute langsam weg. Er hatte ihr seine neue Nummer nicht gegeben. Tajib wirkte völlig sicher, als er mir das erzählte, irgendwie erwachsen, eine bewusste Entscheidung. Er hatte sich eine Auszeit gegeben, rief nicht an und wollte nicht angerufen werden. Wir schwiegen dann eine kurze Weile, ich lächelte ihn an und wechselte das Thema. Auch er ist heute etwa zwanzig, und auch er musste mit etwa vierzehn Jahren von zu Hause fortgehen.

Timo ist auch verblüfft, als ich ihm Tajibs Geschichte erzähle. Und, hat er dann angerufen, fragt er neugierig. Ich weiß nicht, antworte ich, ich glaube, bis jetzt noch nicht. Es ist ok anzurufen, und es ist ok nicht anzurufen, sage ich zu ihm.

Viele der geflüchteten Burschen hatten keine unbeschwerte Kindheit, und jetzt sind sie Jugendliche oder junge Erwachsene. Ich denke, sie brauchen unter anderem Orientierung und Grenzen. Aber ich bin nicht sicher, ob meine Orientierung auch für sie passt. Ich versuche manchmal bewusst abzuwägen, wenn ich ihnen etwas sage. Das geht nicht, das darfst du nicht machen, du musst… Das sage ich nur, wenn ich mir ganz sicher bin. Wichtig ist, dass du weißt, wer ein guter Freund ist, das sage ich oft zu den Burschen, die hier keine Familie haben. Da bin ich mir sicher. Aber immer öfter sage gar nichts. Vor allem wenn ich mir bewusst mache, wie sehr sich mein Leben von ihrem unterscheidet. Wenn andere sagen, du musst lernen, du musst die Deutschprüfung positiv machen, dann sage ich eher, du versuchst es, und wenn du es nicht schaffst, dann geht die Welt nicht unter. Ich kenne den Krieg nicht, ich habe ihn nie erlebt. Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich verstehe. Und vor allem: Ich muss auch nicht alles verstehen.

Letztes Jahr verbrachte Timos Mutter mit ihrer Tochter ein paar Wochen einige Kilometer südlich von Aleppo bei einer entfernten Verwandten. Timo meinte, sie wollte ihrer Tochter ein Gefühl von „Urlaub“ vermitteln. Sie ist dann aber wieder mit ihr nach Aleppo zurückgekehrt, dorthin, wo in den folgenden Wochen der fürchterlichste Kugelhagel und Bombenterror begonnen hatte. Das habe ich überhaupt nicht verstanden.

Ich kenne so viele Burschen, die allein gekommen sind, und fast alle Familien sind zerrissen worden. Es gibt Eltern und Kinder, Brüder und Schwestern, die getrennt in verschiedenen Erdteilen leben und sich nicht besuchen können. Cousins, die mit ihrem Onkel fliehen und Dreizehnjährige, die auf die Reise geschickt werden. Manche dieser Geschichten sind unfassbar und völlig unverständlich für uns, und ich behaupte, manche machen uns auch wütend. Unverständnis und Wut liegen nahe beieinander. Ich glaube, dass auch die Toten im Mittelmeer bei uns verschiedene Gefühle hervorrufen. Es ist oft Trauer, aber es ist vor allem auch Bestürztheit und Unverständnis, die in Wut münden können. Wut darüber, dass jemand sein Leben oder das von Kindern so leichtfertig aufs Spiel setzt – für unsere Begriffe leichtfertig. Wut auch deswegen, weil wir gezwungen werden, uns damit auseinanderzusetzen, darüber nachzudenken und vielleicht sogar eine Entscheidung zu fällen, wie wir dazu stehen und wie wir darauf reagieren. Ich kann mir vorstellen, dass auch Politiker in Wirklichkeit Unverständnis und Wut empfinden.

Vielleicht hat es letztendlich auch etwas mit dem unterschiedlichen Umgang und der Erfahrungen mit Leben und Tod zu tun. Meine Erfahrungen mit dem Tod sind sehr beschränkt.

Mir gefällt irgendwie das Bild der jüdischen Therapeuten Hedi und Yumi Schleifer: Sich vorzustellen, jeder Mensch und jedes Volk lebt in seiner ganz eigenen Welt, die von der Geschichte und den eigenen Erfahrungen geprägt ist. Und wenn man die Welt des anderen Menschen oder des anderen Volkes verstehen will, muss man bewusst versuchen, eine Brücke in die andere Welt zu bauen. Am besten funktioniert das von beiden Seiten.