Archiv für den Monat Mai 2017

Eine Analogie?

In meiner Mittagspause mache ich jetzt öfter einen kurzen Spaziergang. Ich versuche dann ich selbst zu sein, und nicht zuzulassen, dass ich mich von mir selbst entfremde. Manchmal denke ich dann über die Zeit nach, wofür unsere Zeit reif ist und wofür nicht, oder noch nicht.

Ein Buch, das mich unlängst gefesselt hat, heißt „Die Erfindung der Flügel“ und spielt zur Zeit der Sklavenaufstände in den USA in der Zeit von etwa 1800-1850. Es erzählt die Geschichte zweier Frauen: Sarah ist die Tochter einer reichen Plantagenfamilie, Handful ist eine etwa gleich alte Sklavin, die ihr zu ihrem 11. Geburtstag von ihren Eltern geschenkt wird. In ihren Gedanken ist Sarah schon als junge Frau eine Gegnerin der Sklaverei, und im Lauf ihres Lebens wird sie zu einer der ersten Frauen, die entscheidend in der Öffentlichkeit gegen die Sklaverei auftreten. Aber es vergehen Jahre und Jahrzehnte, bis durch die Aufstände der Sklaven und den Einsatz vieler Menschen Folter und Sklaverei tatsächlich abgeschafft werden. Die Konventionen und Gepflogenheiten der Gesellschaft sind zu stark.

Sklaven waren ein für alle sichtbarer Teil der damaligen Gesellschaft. Sie wurden ständig gedemütigt. Ein ebenbürtiges Zusammenleben zwischen Weißen und Schwarzen war vor allem für die Weißen undenkbar. Mehr noch: Die Ungleichheit der Menschen wurde durch verschiedene Ideologien und haarsträubende Argumente verteidigt und gerechtfertigt.

Zweihundert Jahre später sind uns Folter und Sklaverei in unserer westlichen Gesellschaft fremd. Was ähnlich ist, ist dennoch die Unmöglichkeit, zu teilen und mit Menschen aus anderen Ländern ebenbürtig zusammen zu leben. Daher versuchen wir, uns abzugrenzen. Wir führen eine Bildungspflicht ein, aber wir lassen nicht zu, dass sie auch für Asylwerber gilt. Wir haben eine gesetzliche Mindestsicherung, aber wir versuchen, sie für Flüchtlinge so weit wie möglich zu kürzen. Wir geben Reisewarnungen für Afghanistan aus, weil der Aufenthalt in dem Land gefährlich ist und man ein hohes Risiko eingeht, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, aber gleichzeitig werden Flugzeuge gechartert, um junge Menschen genau in dieses Land zurückzuschicken. Wir haben Angst, unseren Reichtum zu verlieren. Die Sklavenhalter hatten bestimmt auch Angst, ihren Reichtum zu verlieren. Aber ich glaube, wir haben noch mehr Angst, unser gesamtes System, unsere Art zu wirtschaften und zu leben, zu verlieren.

Das Buch gibt eine neue zeitliche Perspektive: Vielleicht wird es unseren Nachkommen in hundert oder zweihundert Jahren genauso fremd sein, wie wir damals im Jahr 2017 Menschen nur wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft so ungleich behandeln konnten. Hoffentlich schon etwas früher.

Interessant ist auch, dass Frauen entscheidend in der Anti-Sklaverei-Bewegung mitgewirkt haben. Obwohl sie damals noch kein Wahlrecht und viel eingeschränktere Rechte und Möglichkeiten hatten, in der Öffentlichkeit tätig zu werden, waren Frauen dabei in verschiedensten Formen aktiv.

Auch in der Flüchtlingsarbeit sind Frauen aktiv. Ich schätze, dass etwa 70-90% der ehrenamtlich Tätigen Frauen sind. So auch in meinem Umfeld: Liam hat nur mehr eine Niere. Es ist eine Frau, die ihn ins Krankenhaus begleitet. Ahmed ist wegen Diebstahl vorbestraft worden. Es ist seine Patin, die ihn weiterhin im Gefängnis besucht. Karim ist von seinen Quartiergebern vor die Tür gesetzt worden und hat sich in einem anderen Bundesland angemeldet. Es ist eine Frau, die sich durch den bürokratischen Dschungel kämpft, damit er wieder krankenversichert ist und in die Grundversorgung aufgenommen wird. Taruk hat vergessen sich eine Monatskarte zu kaufen und ist beim Schwarzfahren erwischt worden. Es ist eine Frau, die ihm die hundert Euro gibt. Es sind in der Mehrzahl Frauen, die ehrenamtlich unterrichten, Patenschaften vermitteln, Supervision anbieten, Schulplätze organisieren und vieles mehr. Sogar in der fast ausschließlichen Männerdomäne Fußball, habe ich gelesen, ist nun eine Frau die Trainerin der Mannschaft, die aus Asylwerbern besteht.

Frauen handeln, weil sie die Ungerechtigkeit und das Leid nicht ertragen können.

Ich handle auch manchmal. Und manchmal verharre ich nur in der Vorstellung, im Denken, wie es wäre, wenn…

Die weiße, reiche Sarah ist oftmals eine Gefangene der herrschenden Konventionen. An einer Stelle sagt Handful, die schwarze Sklavin, zu ihr: Mein Körper mag ein Sklave sein, aber nicht mein Geist. Bei dir ist es umgekehrt.

Ich denke, es geht auch darum, dass wir uns eine gerechtere Gesellschaft vorstellen können.