Archiv für den Monat März 2017

Geschafft

Tajib hat es vielleicht wirklich geschafft. Tajib hat mir als erster seine Fluchtgeschichte erzählt. Er kommt aus Afghanistan und hätte zu den Taliban gehen sollen. Da ist er geflohen. Alleine, mit vierzehn oder fünfzehn Jahren.

Tajib ist seit über fünf Jahren in Österreich. Vor etwa einem Jahr hat er seinen positiven Bescheid bekommen. Er hat fast vier Jahre darauf gewartet. Vier Jahre sind eine lange Zeit, vor allem wenn man jung ist und arbeiten möchte, um Geld nach Hause zu schicken. Viele seiner Freunde haben schon vor ihm einen positiven Bescheid bekommen. Er hat das nicht verstanden und war oft deprimiert. Er hat erfolgreich den Pflichtschulabschluss nachgeholt, aber ohne einen positiven Bescheid hat er natürlich keine Arbeitserlaubnis, und auch keine Lehrstelle bekommen. Und wenn ich ehrlich bin, kann er auch noch nicht wirklich gut lesen und schreiben.

Sein Rechtsberater hat einmal gemeint, Tajib kommt zwar ständig zu ihm, aber er ist schnippisch und schnauzt ihn einfach nur an. Er kann ihm ja nichts Neues sagen, er muss einfach warten. Ob ich einmal mit ihm reden könnte. Ich habe Tajib dann am Bahnhof getroffen und wir haben uns auf eine Bank gesetzt. Tajib ist sehr religiös, aber nicht radikal, ich glaube nicht, dass er irgendeinen Blödsinn macht, aber ausschließen kann ich es auch nicht ganz sicher. Er spricht nicht viel, er hat nie viel gesprochen. Er fragt er mich, ob er sich einen privaten Anwalt nehmen soll oder ob er irgendjemandem Geld geben soll, um sein Verfahren zu beschleunigen. Ich versuche ihm zu erklären, dass unser Rechtssystem nicht bestechlich ist, aber ich merke, dass er mir das nicht wirklich abnimmt. Er sieht mich ungläubig an. Warum bekommen dann andere früher einen positiven Bescheid, wenn sie doch viel später als er um Asyl angesucht haben und genauso wie er aus Afghanistan kommen? Es ist alles irgendwie so trostlos, mir fällt nichts ein, womit ich ihn aufheitern könnte. Das einzige, was ich ihm immer wieder einschärfe ist, dass er unterscheiden soll zwischen guten und nicht so guten Freunden, und dass er sich nicht zu irgendwelchen Dummheiten anstiften lassen soll. Ich komme mir vor wie eine altmodische Mutter, die nichts kapiert. Aber ich tröste mich mit dem Gedanken, dass ein Bursche, der völlig auf sich allein gestellt und ohne Familie hier ist, vielleicht einer altmodischen Mutter etwas abgewinnen kann. Plötzlich fällt mir der Satz ein: „Was sagt eigentlich deine Religion dazu?“ Meine eigene Frage überrascht mich. Jetzt bin ich selber neugierig. Was sagt der Islam? Wie soll man sich denn verhalten, wenn man in einer trostlosen Situation ist? Er sieht mich an und lächelt schief. „Naja, man soll beten und abwarten, es kommen bestimmt bessere Zeiten“, meint er. Na dann, denke ich mir, ich sage nichts mehr. Interessant, dass man sich doch immer wieder selbst die besten Antworten geben kann.

Tajib hält durch, ich weiß nicht genau wie, ich treffe ihn nicht sehr oft, nur hin und wieder. Einmal schaue ich ihm beim Fußballmatch zu, und ein paar Mal gebe ich ihm Geld, damit er es nach Hause schicken kann. Seine drei kleineren Geschwister und seine Mutter sind noch in Afghanistan. Sein Vater ist bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Aber irgendwann ist es so weit. Er bekommt tatsächlich einen positiven Bescheid.

Tajib ist unglaublich zäh. Sofort will er nach Wien ziehen. Er findet eine Unterkunft, für die er 250 Euro im Monat zahlt. Zuerst wohnten drei afghanische Burschen zusammen in einem Zimmer, dann vier und dann fünf. Ich habe ihn gefragt, ob er eine Matratze braucht. Da hat er gemeint, man darf die nicht auflegen in dem Zimmer, das verbietet der Vermieter. Alle schlafen auf Matten oder Decken. Zum Duschen geht er meistens ins Fitnesscenter. Nach ein paar Wochen hält er es nicht mehr aus und versucht einen anderen Schlafplatz zu finden, aber das ist schwierig.

Er meldet sich beim Arbeitsmarktservice. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mit ihm hingehe. Es gibt doch diese überbetrieblichen Lehrstellen, wenn ich in der Zeitung darüber lese, denke ich an Tajib.  Ich möchte gerne mit seinem Betreuer sprechen, ihm sagen, dass Tajib ein besonderer Mensch ist, dass er dringend Arbeit braucht. Aber irgendwie komme ich nicht dazu, es tatsächlich zu tun, oder ich nehme mir die Zeit nicht dazu. Das mit der Zeit ist überhaupt eine komische Sache. Ich gehe jeden Tag zur Arbeit und habe Kinder und Familie. Unser typisches Berufs- und Kleinfamilienleben ist nicht dafür gedacht, dass wir uns viel um andere kümmern. Viele Frauen machen es trotzdem. Manche verlieren sich dann und opfern sich auf. Ich bin kein Opfer-Typ. Aber ich werde dann fahrig und unkonzentriert.

Tajib bekommt nach ein paar Kursen, die er brav besucht, tatsächlich die Möglichkeit einer überbetrieblichen Ausbildung. Ich finde das AMS in Wien plötzlich Klasse. Das, was uns, die wir uns um solche Burschen kümmern, am meisten zu schaffen macht, was uns zur Verzweiflung bringt und uns verrückt macht, sind nicht die Menschen, die wir betreuen, sondern die administrativen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die behördlichen und  politischen Entscheidungen. Und jetzt also bekommt Tajib einfach wirklich Unterstützung bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, und zwar von der Einrichtung, die tatsächlich dafür zuständig ist. Es tut unglaublich gut, zu sehen, dass unsere Strukturen und Institutionen in manchen Fällen doch wirksam sind. Ich fühle mich oft ohnmächtig bei den Aufgaben, die es für die vielen Flüchtlinge, die ich kenne eigentlich zu bewältigen gäbe. Ich tröste mich dann mit dem Gedanken, dass ich nur eine kleine Rolle habe, und dass auch die zuständigen Einrichtungen in unserem Land ihre Rolle erfüllen müssen; ich kann nicht alles erledigen und alle Rollen wahrnehmen. Und ich tröste mich damit, dass kein Mensch und keine Religion eine wirklich gute Antwort auf die Frage geben kann, warum das Schicksal den einen dahin und den anderen dorthin geboren hat.

Tajib bekommt genau das, was er braucht, und irgendwie fügt sich alles so unfassbar. Er hat nun eine Tagesstruktur, lernt einen Beruf, findet eine andere Wohnung und zieht um. Er ist wieder besser gelaunt, offener und beredsamer und beginnt daran zu glauben, dass es in seinem Leben auch aufwärts gehen könnte. In Wirklichkeit habe ich nicht so viel gemacht: Ich habe ihm weder bei der Wohnungs-, noch bei der Arbeitssuche geholfen. Das war mir zu viel. Aber eine kleine Rolle habe ich vielleicht gehabt, und insgesamt war es ein Zusammenspiel von verschiedenen Umständen. Es hat lange Zeit gedauert – und es war eine andere Zeit, er ist ja lange vor dem Herbst 2015 gekommen. Aber vielleicht hat er es jetzt wirklich geschafft.