Freiwillig ehrenamtlich

Alle Menschen sind Suchende, die einen mehr, die anderen weniger.

Meine Erfahrung ist, dass die freiwillig Tätigen oft eher die sind, die mehr suchen und auch die, die mehr finden.

Was ist bei der Freiwilligenarbeit anders?

Als erstes ist der Geldaspekt weg. Du bist da und tust etwas, aber du tust es nicht für Geld. Du leistest etwas, aber es wird nicht mit Geld belohnt. Geld spielt keine Rolle. Es gibt keine finanziellen Anreize, keinen finanziellen Ausgleich und auch keine finanzielle Begründung. Du musst dir also eine andere Begründung suchen. Das Paradoxe ist aber, dass viele jener Freiwilligen, die im Sommer 2015 in unterschiedlichen Bereichen begonnen haben, Flüchtlingen zu helfen, zunächst gar keine Begründungen gesucht und keine Fragen gestellt haben. Es war bei vielen ein Impuls, dem sie einfach nachgegangen sind, weil es sie danach gedrängt hat. Auch bei mir war es so. Mit der Zeit kamen dann natürlich schon die Fragen: Warum mache ich das alles? Und auch: Wie soll das alles gehen? Werden sich diese Menschen hier einmal selbst erhalten können? Aber zu diesem Zeitpunkt sind bereits Beziehungen zu ganz bestimmten Menschen geknüpft worden – und dann war die Antwort wieder so klar: Ich tue das für Ahmed, für Sahira, für Reza, für Sara,…

Als zweites erübrigen sich in der Freiwilligenarbeit auch meist die Anweisungen. Dinge entstehen aus der Freiheit heraus, etwas tun zu können oder zu wollen, zwanglos. Projekte werden initiiert und durchgeführt, weil es jemand einfach tut. Weil jemand eine Idee hat und sie verwirklicht, oder einen Wunsch und sich ihn erfüllt – oder den Wunsch eines anderen erfüllt. In einem Unternehmen werden meist Anweisungen gegeben und Aufträge erteilt. Oft werden konkrete Ziele von oben oder im Team festgesetzt. In der Freiwilligenarbeit setze ich mir die Ziele selber, nach meinem freien Willen, oft auch nach meinem Gefühl. Oder ich setze mir gar keine Ziele, ich tue einfach das, was mein Impuls ist. Natürlich wäge ich auch rational ab, es hat bei meiner Entscheidung aber nicht nur das Rationale Platz, sondern auch meine Visionen, meine Träume von einer besseren Welt zum Beispiel, meine Sehnsüchte – das alles kann ich letztendlich miteinbeziehen bei meinem Tun. In der Erwerbsarbeit sind wir manchmal gezwungen, Aufträge zu erledigen – auch solche, die uns unsinnig erscheinen. In der Freiwilligenarbeit hat es meist überhaupt keinen Sinn, Ziele zu vereinbaren, an die nicht jede und jeder im Team hundertprozentig glaubt. Es kann ja niemand zur Freiwilligkeit gezwungen werden. In einem solchen Team zu arbeiten, in dem die Menschen durch ihre Gefühle und Überzeugungen hinter ihrer Arbeit verbunden sind, ist natürlich eine ganz andere Art der Verbindung. Ich habe in der Flüchtlingsarbeit in den letzten Monaten Menschen kennen gelernt, die ganz anders sind als ich und denen ich sonst vielleicht nie begegnet wäre – jedenfalls mit Sicherheit nicht  in dieser Tiefe, auf dieser Ebene.

Drittens sind in der Freiwilligenarbeit oft Kreativität und Innovationsgeist gefragt – vor allem wenn es darum geht, dass Strukturen erst geschaffen werden müssen, was ja bei vielen Vereinen im Bereich der lokalen Flüchtlingsinitiativen der Fall war. Neue Kooperationen entstehen, weil jemand eine Idee hat, irgendwen kennt, fragt, neue Kontakte anbahnt und auf Interesse stößt, ausprobiert und Erfolg hat – oder scheitert und einen neuen Weg einschlägt. Zu Lösungen gelangen wir in der Flüchtlingsarbeit natürlich auch immer wieder über unseren Wunsch etwas für andere zu tun, die uns ans Herz gewachsen sind. Als mir bei unserem lokalen Flüchtlingsnetzwerk klar wurde, dass sich die Wohnraumsuche für Flüchtlinge einfach zu schwierig gestaltet und nicht zu bewältigen ist, habe ich gedacht, lassen wir es gut sein, organisieren wir Sprachkurse, Freizeitgestaltung, Patenfamilien, etc. Vielleicht ist die Wohnungssuche für uns als kleiner Verein einfach zu schwierig angesichts des angespannten Wohnungsmarkts, des Misstrauens vieler Vermieter gegenüber Flüchtlingen und vielem mehr. Ich wurde aber eines Besseren belehrt von anderen Freiwilligen. Weil schließlich ein warmes Zimmer ein Grundbedürfnis des Menschen ist, darf man nicht aufgeben. Und es ist richtig: Du kannst nicht für irgendjemanden ein Zimmer suchen, aber wenn du ein Patenkind, eine Familie, einen Burschen kennst, der leidet und dem du so gerne helfen möchtest, dann wirst du auch ein Zimmer oder eine Wohnung finden. Ich kenne ein ähnliches Gefühl auch aus dem Teamsport. Deine Partnerin hat einen Ball schlecht gespielt, und weil du ihr helfen willst, gibst du alles, um den Fehler wieder gut zu machen. Weil du es nicht für dich, sondern für jemanden anderen tust, bekommst du eine neue, größere Kraft.

Natürlich kenne ich auch die Geschichten der ausgebrannten Helferinnen, die sich verausgaben und ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr gut wahrnehmen können. Und einmal hat ein Mann zu mir gemeint, man könne mit diesen ehrenamtlich tätigen Frauen ja über nichts anderes mehr reden als über ihre Flüchtlinge. Aber ich kenne ungleich mehr Geschichten von Menschen, die unter dem täglichen Trott ihrer Erwerbsarbeit leiden.

Vor kurzem bin ich über einen Satz in einem Zeitungsinterview mit Angela Merkel gestolpert. Sie sagte: „Eines ist vollkommen klar: Die ganze westliche Welt hat Afrika in früheren Epochen Entwicklungschancen geraubt, und zwar über Jahrhunderte.“

Ich denke, das, was wir hier in der freiwilligen Flüchtlingsarbeit machen, lässt sich in einem Satz auf den Punkt bringen: Wir versuchen den Menschen Entwicklungschancen zu geben. Und ich habe schon lange keine Erwerbsarbeit mehr erlebt, die sich so gut anfühlte. Täglich.

Werbeanzeigen

3 Gedanken zu „Freiwillig ehrenamtlich

  1. Michael T.

    erfrischend !
    liebe gruesse aus suedlichen gefilden. ja, das kultivieren der eigenen wahrnehmung und dann noch handeln mit herz und verstand hat etwas umwerfend erfrischendes. unerwartete geschenke kommen da ins spiel. danke michael t.

    Liken

    Antwort
  2. Christina Rakebrandt

    Liebe Veronika,
    wie immer lese ich Deine Worte gern. Und heute schimmert darin wieder eine Facette unseres Lebens mit seinen großen Freiheiten, aber auch seinen Schwächen. Freiwilligenarbeit gibt es ja in der Form nur in Demokratien. Wo Menschen selbst entscheiden, wie sie ihre Zeit einsetzen wollen und Organisationen gründen dürfen, andere dazu holen können. Zugleich ist es auch ein Luxus, diese Zeit erübrigen zu können, weil ein Dach über dem Kopf gegeben und das Brot für die eigene Familie sicher ist. Und Freiwilligkeit braucht auch den Willen, selbst zu gestalten anstatt Anweisungen entgegenzunehmen. In einer großen Gesellschaft wie der unseren ist es doch klar, dass große Strukturen wachsen (Unternehmen), in denen manche gestalten und andere sich das nicht zutrauen oder keinen Weg sehen, selbständig zu denken und zu handeln und damit ein verlässliches Einkommen zu generieren. Und schon entsteht der Alltagstrott, der früher oder später sinnentleert daher kommt. Manchmal erscheint es mir wirklich notwendig, dass Krisen, die zum Beispiel mit Einwanderungswellen einher gehen, unser System durcheinander wirbeln, damit wir wieder beim Urgrund von Menschlichkeit landen. Ich tue es für … Ich tu es mit …
    Ich schick Dir warme Grüße nach Wien!
    Christina

    Liken

    Antwort
    1. Veronika Haschka

      Liebe Christina,
      vielen Dank für deinen Kommentar!
      Ich sehe das nicht so eng mit der Freiwilligenarbeit, natürlich gibt es verschiedene Arten, strukturierte und unstrukturierte, individuelle und in Gruppen organisierte u.v.m. Und wir, in westlichen Demokratien, haben natürlich mehr Möglichkeiten uns gefahrlos zu organisieren.
      Gleichzeitig glaube ich, dass es Freiwilligenarbeit immer gegeben hat, in Feudalherrschaften und Königreichen, Diktaturen und Demokratien, in Kriegs- und Friedenszeiten. Und unter den Freiwilligen gibt es sehr verschiedene Menschen, Ärmere und Reichere, Erwerbstätige und Arbeitslose, Pensionistinnen und Schülerinnen, Menschen, die lieber Anweisungen bekommen und andere die lieber eigenständig arbeiten, etc. Luxus passt da für mich nicht für alle, auch für mich nicht, aber vielleicht für manch andere , da magst du Recht haben.
      Alles Liebe Veronika

      Liken

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s