Archiv für den Monat Juni 2016

Zufall

Ist Integration Zufall? Manchmal denke ich das.

Timo hat jetzt bei einem Theaterprojekt mitgemacht. Wie es dazu gekommen ist, ist eine verrückte Geschichte:

Timo hatte kein Handy als er hier in Österreich angekommen ist. Seines ist bei der Überfahrt übers Meer ins Wasser gefallen, als er geholfen hat, das Boot ins Wasser zu hieven.

Im Notquartier sitzt er meist alleine herum, mit den jungen Afghanen verbindet ihn keine gemeinsame Sprache. Ein Mitarbeiter der Einrichtung schließt ihn besonders ins Herz. Einmal plaudert dieser mit einer jungen Frau, die sich an dem Tag spontan dazu entschlossen hat, als Freiwillige in dem Notquartier zu helfen. Er erzählt ihr begeistert von einem syrischen Burschen, der ihm zum Freund geworden ist. Die junge Frau ist erstaunt, sie hat sich diese Begeisterung nicht erwartet. Sie sprechen darüber, dass der Junge kein Handy hat. Da beschließt die junge Frau spontan, dem (ihr unbekannten) Burschen ihr altes iPhone zu schenken und bringt es dem Betreuer ein paar Tage später vorbei.

Timo ist überglücklich. Jetzt kann er Kontakt zu seiner Familie und seinen Freunden in Syrien aufnehmen. Wochen vergehen, eines Tages entsinnt er sich, dass dieses Geschenk für ihn eines der wertvollsten ist. Er bittet seinen Freund, den Betreuer, um die Kontaktdaten der freiwilligen Helferin, er möchte sich auf Facebook bei ihr bedanken. Die beiden treffen sich. Timo beginnt ein wenig von sich zu erzählen, auch, dass er gerne Theater spielt. Die junge Frau überlegt, dann ruft sie noch am selben Tag einen Freund an, der von Zeit zu Zeit in einem Theater fotografiert. Der Fotograph überlegt, dann ruft er noch am selben Tag im Theater an. Die Intendantin am Telefon überlegt, dann fragt sie, ob der junge Bursche nicht noch heute ins Theater kommen könnte, es findet eine Probe für ein Jugendprojekt statt, da könnte sie ihn kennenlernen.

Timo sitzt im Theater und beobachtet die jungen Schauspieler beim Proben. In der Pause wendet sich die Intendantin an ihn und fragt, ob er schon einmal Theater gespielt hätte und ob er nicht etwas vorspielen möchte, eine Pantomime. Ja, meint Timo. Die Intendantin gibt ihm eine Aufgabe und Timo beginnt zu spielen. Er spürt, dass dies eine ganz besondere Chance ist und er möchte sie nutzen, er legt seine ganze Energie und Leidenschaft in diese Pantomime, zwanzig Minuten lang. Die Intendantin sieht ihm zu, sie überlegt nicht lange, dann nimmt sie ihn in die laufende Produktion auf.

Timo ist gerettet. Ab nun ist alles anders. Sein Leben hat wieder einen Sinn. Sein Tagesablauf ist ein völlig anderer, bekommt Struktur. Er hat Proben, es finden sich Menschen, die ihm Einzelunterricht geben, er singt in einem Chor, wird aufgenommen in die Gruppe der jungen Schauspieler und findet Freunde.  Sein Leben ist noch immer geprägt von Höhen und Tiefen, aber es gibt jetzt Tage, an denen er seine Trauer vergessen kann.

Von außen betrachtet ist es ein wunderlicher Zufall, ein Glück, das mich staunen lässt. Ich kenne einige solcher Glücksgeschichten, zum Beispiel auch die von Yalid: Eine junge Frau, die von Zeit zu Zeit als Freiwillige in einem Notquartier arbeitet, hat ihn in ihrer Familie aufgenommen, als sie erfuhr, dass er in ein großes Containerdorf transferiert werden sollte. Es ist eine Familie mit drei Kindern. Yalid ist jetzt das vierte, er geht in die Schule, hat sein eigenes Zimmer und ein neues Familienleben. Manchmal besucht er seine Freunde, die in dem großen Containerdorf oder in anderen Einrichtungen für Erwachsene untergebracht sind. Öfters kommt er dann mit einer Schramme nach einem Streit nach Hause. Ich kann es nicht genau sagen, aber ich kann mir vorstellen, dass seine Freunde neidisch sind, auf sein Glück, den Zufall, der ihm widerfahren ist. Es ist eine Herausforderung für uns, sagt die junge Frau, aber auch eine Bereicherung. Jetzt hat sie erstmals mit seiner Mutter in Afghanistan telefoniert, und die beiden Mütter haben am Telefon gemeinsam über Yalid lachen können. Ich höre ihr mit offenem Mund zu, als sie das erzählt.

Ich kenne auch andere traurigere Geschichten, über Burschen, deren Mütter am Telefon weinen, die tagelang nur auf ihrem Handy spielen, nach Hause telefonieren, und wieder Handy spielen. Einmal in der Woche haben sie in ihrer Einrichtung einen Deutschkurs, der von Freiwilligen organisiert wird. Es gibt keinen Fußballplatz und kein öffentliches Verkehrsmittel in der Nähe. Zur nächsten Haltestelle gehen sie zwanzig Minuten zu Fuß, es nützt ihnen auch wenig, denn das Ticket müssen sie sich ohnehin selber bezahlen und dazu haben sie meist kein Geld. Manchmal wundert es mich, dass in diesen Einrichtungen nicht mehr passiert.

 

Ich mag meine schwarz-weiß gemalte Geschichte nicht. Natürlich sind unter den Menschen, die jetzt hier bei uns sind, solche, die uns näher stehen und andere, die uns fremd sind. Und doch ist die Geschichte wahr, und es gibt Zufälle, die Leben retten. Was neu für mich ist, ist, dass wir plötzlich ganz leicht diese Retter und Retterinnen sein können.