Archiv für den Monat Mai 2016

Timo

Manchmal ergeben sich Dinge einfach und man braucht nicht viel dazu tun.

Ich hielt wie jeden Tag meinen Deutschkurs im Notquartier ab. Immer gab es einige Flüchtlinge, die keinen Sessel mehr an unserem großen Tisch fanden oder zu schüchtern waren, sich dazu zu setzen und die von hinten zusahen und mitdachten. Andere hörten mit Kopfhörern Musik, telefonierten oder starrten ins Leere. Hin und wieder ließ ich meinen Blick über sie streifen, und von Zeit zu Zeit forderte ich den einen oder anderen auf, sich doch näher zu uns in die Gruppe zu setzen.

Eines Tages fiel mir ein Junge auf. Ich sah ihn plötzlich im Augenwinkel. Er konnte noch nicht lange da sein, ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Er war hübsch, extrem unruhig, manchmal starrte er in sein Heft, manchmal versuchte er mir zu folgen. Es war, als ob er auf etwas warten würde. Nach dem Kurs stand er plötzlich vor mir. Ob ich ein paar Sachen mit ihm lernen könnte, fragte er mich in erstaunlich gutem Englisch. Ich sah ihn an. Du kannst ja auch in meinen Kurs kommen, ich bin morgen um elf Uhr wieder da, antwortete ich ihm. Ich hatte keine Lust auf eine Extra-Lektion. Wieso setzte er sich nicht wie alle andern an den Tisch und machte einfach mit? Er blieb hartnäckig und meinte, er könnte alles ganz schnell lernen, nur hin und wieder bräuchte er jemanden, der ihn bei der Aussprache korrigierte. Ich wollte trotzdem keine Einzelstunde geben und sagte ihm, dass ich mir morgen nach dem Kurs vielleicht für ihn Zeit nehmen würde.

Am nächsten Tag war er nicht da. Ich merkte, wie ich ein klein wenig enttäuscht war. Dann aber, ein paar Tage später, das gleiche Bild wie beim letzten Mal: Der Junge saß unruhig im hinteren Bereich des Raumes und blickte mit fahrigen Bewegungen unkonzentriert hin und her. Ich war neugierig. Nach dem Kurs ging ich zu ihm und fragte ihn, ob ich ihm ein paar Dinge erklären sollte. Wir gingen das Deutschskriptum ein paar Seiten lang durch. Dann brach ich ab. Er war überhaupt nicht in der Lage zu lernen, ich hatte den Eindruck, sein Kopf war voll mit ganz anderen Gedanken, er war nicht bei der Sache und tat, als ob er die Zeit mit mir rasch hinter sich bringen wollte. Ich sah ihn an. Er starrte zurück. Ich sagte ihm, es wäre genug für heute und wir verabschiedeten uns.

Irgendwann rückte er damit heraus. Er wollte mit mir reden, ob ich denn einmal länger Zeit hätte. Er war der erste, der von sich aus mit mir reden wollte, mir anscheinend seine Geschichte erzählen wollte. Deswegen war ich eigentlich hier. Genau deswegen hatte ich mir diese Auszeit genommen. Ich schlug ihm vor, in eine Pizzeria in der Nähe Mittagessen zu gehen.Wir brauchten eine Ewigkeit bis wir das Essen bestellten, ich erklärte ihm die verschiedenen Pizzabeläge und fragte ihn, was er gerne aß – und wir begannen zu reden, was man in Syrien isst, und was im Libanon, und wann er überhaupt zuletzt gegessen hatte. Er war 18 und ich wusste, dass manche der jungen Männer in den Notquartieren nach einem völlig verrückten Tagesrhythmus lebten. Sie konnten in der Nacht nicht schlafen, und verschliefen dann, wenn sie in den Morgenstunden einschliefen, das Frühstück und einen Großteil des Tages.

Er erzählte und erzählte, und ich hörte zu und fragte hin und wieder etwas. Er trat ganz plötzlich und unvermutet mit seinem entbehrungsreichen, unsteten, verqueren Leben in mein geordnetes Luxusleben.

Es dauerte ein paar Tage bis wir uns wieder trafen. Er hatte kein Handy und wir konnten uns nicht verabreden. Es regnete. Wir wollten unser Gespräch fortsetzen und wussten, dass wir uns dazu einen anderen Ort suchen mussten. Ich steuerte auf das einzige Café in der Nähe zu. Es war geschlossen. Es regnete noch immer. Der nächste warme, ruhige und zum Reden geeignete Platz war eindeutig bei mir zuhause.

Ich wage zu behaupten, es gibt diesen Moment im Leben aller Menschen, die sich in den letzten Jahren ehrenamtlich mit Flüchtlingen beschäftigt haben. Der Moment, in dem man entscheidet, ob man diesen Flüchtling nun mit zu sich nach Hause nimmt oder nicht. Bei manchen Menschen dauert es vielleicht nur den Bruchteil einer Sekunde, bei anderen länger. Aber es ist immer eine bewusste Entscheidung. Mit der Einladung in den persönlichen Wohnraum entsteht eine andere, eine neue Art der Verbindung. Zwei Welten kommen dann im Raum des einen zusammen. Viele Menschen, die mit Flüchtlingen lernen, ziehen es vor, in einem neutralen Raum zu arbeiten, nicht in ihrer eigenen Wohnung. Ich kann diese Seite gut verstehen. Denn es ist natürlich auch eine Frage des Vertrauens, jemanden in meinen vertrauten Raum zu lassen. Im Falle der Flüchtlinge, die alles verloren haben, ist es auch das mitunter nicht ganz leicht auszuhaltende Aufeinanderprallen von Reichtum und Armut. Wenn ein Mensch, der nichts hat, weit weg ist, ist es anders, als wenn er plötzlich in deiner Wohnung steht. Er sieht dann alles, was du hast und er nicht. Aber auch du siehst viel deutlicher, was du hast. Und du gibst ihm die Möglichkeit, ein wenig besser zu verstehen, wie du lebst.

Es kann ganz leicht sein, aber es kann auch eine Überwindung sein, ja ich glaube das ist es manchmal. Ich bin aber überzeugt, es gibt diesen klaren Moment der Entscheidung.

Bei Timo habe ich kurz gezögert, ich erinnere mich noch sehr genau. Ich habe schon mit anderen Flüchtlingen in unserem Esszimmer gelernt, aber das war etwas anderes, es ging ja ganz klar um konkretes Lernen. Timo wollte mir von sich erzählen und darüber hinaus wusste ich eigentlich nicht so genau, was er wirklich von mir wollte und was er überhaupt im Leben wollte. Aber es regnete und ich sagte mir, dass es lächerlich wäre, nicht zu mir zu gehen, wenn doch gerade kein Kaffeehaus in der Nähe offen hatte. Er könnte mein Sohn sein. Wir gingen dann zu mir nach Hause und es war die natürlichste Sache der Welt.

Irgendwann, ein paar Tage später, hat er gefragt, ob er mich Mama nennen dürfte. Es klingt blöd, aber es lag irgendwie fast auf der Hand, es hat sich einfach so ergeben und ich habe es ihm erlaubt, weil ich ihn lieb gewonnen hatte. Im Laufe der nächsten Monate und auch als er dann aus dem Notquartier in eine andere Unterkunft transferiert wurde, haben wir uns immer wieder gesehen, manchmal geredet oder Nachrichten geschrieben, und oft auch nur geschwiegen.

Es werden jetzt immer wieder von verschiedenen NGOs Informationsveranstaltungen und Kurse angeboten für Menschen, die Paten für junge Flüchtlinge werden wollen. Ich habe so einen Kurs nie besucht, aber ich glaube, das Schweigen, das stille Dasein, Halten und Aushalten spielt eine große Rolle.