Auf der Bank

Freitag Abend. Mein Handy läutet. Es ist Rasmin. Er ist einer der – früher drei, jetzt fünf – 18-jährigen Burschen aus Afghanistan, die in der Wohngemeinschaft leben, die ich ein wenig betreue. Ich kenne ihn eigentlich bis jetzt nur vom Sehen. Er sieht nett aus und lacht viel. Als einer der wenigen Flüchtlinge hat er seit etwa zwei Monaten eine Lehrstelle.

Rasmin ruft mich mit dem Handy seines Wohnungskollegen an. Er fragt mich, wie man einen Erlagschein ausfüllt und ob er mir schnell ein Foto von einem von ihm ausgefüllten Erlagschein schicken kann. Der Erlagschein in Höhe von 90€ ist richtig ausgefüllt. Es ist eine Mahngebühr von einem Fitnesscenter. Er fragt weiter, wie er ihn einzahlt und meint dann unsicher, es wäre dringend, denn er müsste spätestens heute eingezahlt werden. Da ich gerade nichts Besonderes vorhabe, verabreden wir uns spontan in zehn Minuten direkt in der Bank. Als ich komme, hat er alles schon erledigt. Ich zeige ihm die anderen Automaten im Foyer der Bank und frage ihn, ob er sich schon einmal einen Kontoauszug von seinem Konto geholt hat. Er schaut mich fragend an und schüttelt den Kopf.

Dann sehen wir uns gemeinsam den Kontoauszug an, der eben aus dem Automaten gekommen ist. Ich erkläre ihm, wie man Einnahmen und Ausgaben voneinander unterscheiden kann. Als Lehrling bekam er in den letzte zwei Monaten einmal 536€ und einmal 510€. Wir gehen die Ausgaben durch: Zweimal hat ihm die Bank 6,50€ abgezogen, als Bearbeitungsgebühr für einen falsch ausgefüllten Erlagschein. Ich stutze und merke wie ich mich innerlich über die Bank zu ärgern beginne. Wessen Aufgabe ist es, einem jungen Flüchtling, der ein neues Konto eröffnet, zu erklären, wie man einen Erlagschein ausfüllt? Ich finde, das könnte auch die Bank machen. Und dann am besten auch gleich darüber aufklären, dass sie 6,50€ für einen falsch ausgefüllten Erlagschein abbucht. Der Kundenbetreuer meiner Bank ruft mich mindestens jährlich einmal an und möchte mich beraten. Ich frage mich, wie Flüchtlinge, die ein Konto eröffnen, von ihrer Bank betreut werden. 6,50€ sind für manche von ihnen in etwa eineinhalb Mittagessen. Jene, die in der Grundversorgung sind, bekommen rund 5€ pro Tag. Einmal hat mich ein junger Mann gefragt, ob ich ihm Tipps geben kann, was er damit kaufen und kochen soll. Ich bin mir wie ein Idiot vorgekommen. Mehr als Nudeln und Kartoffeln ist mir nicht eingefallen.

Ich schiebe meine Gedanken weg und wir gehen den Kontoauszug weiter durch. Es sind durchwegs minimale Ausgaben für McDonalds oder Barabhebungen in Höhe von 10€ oder 20€ und die Mitgliedschaft im Fitnesscenter. Dann plötzlich 300€. Er erklärt mir, dass er die seinem Bruder geben musste, damit der sie seiner Mutter nach Afghanistan schickt, die im Spital ist. Ich sage ihm, dass 300€ vielleicht zuviel sind, wenn er nur knapp über 500€ verdient. Er sagt, dass seine Mutter das Geld aber braucht und dass es nicht zuviel ist. Wir sehen uns an. Ich merke, dass wir unterschiedliche Meinungen haben. Zuerst war ich allerdings noch ganz sicher, dass er nicht 300€ nach Hause schicken sollte, auch er war zunächst noch ganz sicher, dass 300€ aber notwendig wären. Dann werden wir beide unsicher: Ich habe keine Ahnung wie die medizinische Versorgung in Afghanistan ist, und er überlegt, wie er durch die nächsten Wochen kommen soll.

Sein aktueller Kontostand beträgt 134 €. Ich sage ihm er soll sich ausrechnen, was ihm abzüglich des eben eingezahlten Erlagscheins noch bleibt. Er sieht mich an und lacht, weil ich ihm plötzlich eine Rechenaufgabe stelle. Dann schauen wir auf den Kalender auf meinem Handy. Es bleiben dreieinhalb Wochen bis er den nächsten Lohn bekommt. Er sollte sich aber noch ein Jahresticket für die Fahrt in die Berufsschule kaufen…Ich erkläre ihm, dass er ab jetzt nur etwa 10€ pro Woche hat. Wir müssen wieder beide schmunzeln und überlegen, was man mit 10€ in der Woche machen kann.

Wir reden über seinen Job und dass er auch gerne ins Gymnasium gehen würde und wie es überhaupt zu der Mahngebühr für das Fitnesscenter kommen konnte. Ich glaube, er hat zum einen nicht verstanden, was eine monatliche Verpflichtung zur Zahlung einer Mitgliedsgebühr ist und zum anderen ist er wohl in der Zeit umgezogen und hat die Zahlungserinnerung nicht bekommen. Ich merke, dass er auch gerne einfach in einer Familie leben und in die Schule gehen würde, wie viele 18jährige Burschen hier bei uns. Vielleicht ist er auch noch gar nicht 18. Er sieht viel jünger aus. Er gehört bestimmt zu jenen jungen Flüchtlingen, die ihr tatsächliches Geburtsdatum nicht wissen und es wurde einfach festgesetzt.

Wir reden noch weiter als wir wieder auf die Straße treten, über Ausbildung und Einkommen und das Leben hier und wie viel Geld man nach Hause schicken muss, oder soll, oder kann. Klare Antworten hab ich auch nicht. Aber verstehen kann ich ihn jetzt besser.

 

Ein Gedanke zu „Auf der Bank

  1. Christina Rakebrandt

    Mit Hülsenfrüchten kommt man ziemlich weit für wenig Geld. Die sind ihm bestimmt auch vertraut. Danke für Deinen Einblick. Ich fühle mich, als hätte ich neben Euch gestanden in der Bank. Christina

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