Archiv für den Monat Februar 2016

Vertraut

Meine zweimonatige Auszeit ist jetzt wieder vorbei. Ich bin zurückgekehrt in mein Büro. Mein Tag hat wieder eine andere Struktur.

Aber die Veränderung hat mich verändert. Mit manchen Menschen, die ich kennen gelernt habe, bin ich nach wie vor in Kontakt, und meine Gedanken sind immer wieder bei ihnen.

Ich wollte „die Flüchtlingskrise“ nicht nur durch Zeitung und Internet nachempfinden, sondern betroffenen Menschen begegnen, mit ihnen in Kontakt treten und dadurch – im Kleinen und im Großen – besser verstehen. Das ist gelungen, zum Teil. Gleichzeitig bin ich immer wieder verwirrt. Ich kann mich nicht mehr so gut distanzieren und nicht so leicht ablenken wie früher. Dinge vermischen sich, ich bin involviert, berührt und immer wieder nachdenklich. Neue Beziehungen und Kulturen beschäftigen mich. „Aus mit der Verwöhntheit“ beschrieb eine Autorin in der ZEIT vor kurzem den nun veränderten Zustand der Gesellschaft; weil wir nicht mehr so konsumieren können wie früher; weil neue Menschen mit all ihren Bedürfnissen und verunsichernde Umstände unmittelbar in unser Leben getreten sind. Dabei ist das Konsumieren nur ein Aspekt, denke ich, es gibt noch viele andere.

Ich denke darüber nach wie alles begonnen hat. Das hilft manchmal beim Verstehen: Über meinen ersten Tag im Notquartier habe ich ja schon berichtet. Ich bin dann fast täglich für ein paar Stunden hingegangen. Ich habe einmal Betten überzogen und danach Kleider geordnet. Ziemlich bald bin ich dann allerdings in den Aufenthaltsraum gegangen und habe begonnen mit ein paar Flüchtlingen deutsch zu lernen. Ich habe Packpapier an der Pinnwand fixiert und mir so eine Tafel gebastelt. Es hat sich rasch eine Routine entwickelt. Die Flüchtlinge haben sich um die Tische in der Mitte des Raumes gesetzt, sodass sie gut auf die Pinnwand sehen konnten. Meistens fast ausschließlich Männer. Hin und wieder sind auch ein paar Frauen dazu gekommen.

Durch den täglichen Deutschunterricht hat sich für die Flüchtlinge eine Struktur ergeben und für mich eine Möglichkeit der Begegnung mit ihnen – ich wollte ja primär gar nicht Deutsch unterrichten, ich wollte viel mehr mit ihnen in Kontakt treten, sie kennenlernen als Menschen. Ich bin der Einfachheit halber jeden Tag um die gleiche Uhrzeit gekommen. Wenn ich 10 Minuten zu spät gekommen bin, haben sie schon gewartet. Manchmal habe ich irgendwelche witzigen Sachen vorbereitet. Ich wollte auch selbst Spaß haben, und ich wollte sie zum Lachen bringen, sie ablenken und ihre Aufmerksamkeit auf etwas Neues lenken. Ich wollte sie ihre Sorgen vergessen lassen, ihre Konzentration herausfordern, und wissen, was sie denken. Und natürlich wollte ich auch den Gender-Aspekt in ihrem Denken und Herzen anrühren, dass sie bemerken: Hier bestimmt eine Frau – und das kann sich auch gut anfühlen.

Nach und nach habe ich begonnen, mir ihre Namen zu merken, ich habe ihre Gesichter voneinander unterscheiden und ihre Charaktere kennen gelernt. Ich wusste wie viele Geschwister und ob sie Kinder hatten, welche Hobbys ihnen gefielen und welchen Beruf sie gerne ausüben würden. Ich habe begonnen, mich auf sie zu freuen. Wenn einer nicht da war, habe ich ihn vermisst und gefragt, wo er ist. Immer wieder sind neue Leute dazu gekommen und andere weg geblieben, aber insgesamt hat sich doch ein harter Kern gebildet. Natürlich hatte ich einige besonders ins Herz geschlossen, aber es gab kaum jemanden, der nicht irgendeinen liebenswerten Aspekt hatte. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie etwas von mir und von unserer Kultur und unserem Land lernen wollten. Sie wurden immer mehr an unserem Austausch und an meiner Meinung interessiert.

Nie zuvor habe ich so oft an die Geschichte des kleinen Prinzen gedacht. Es waren nicht mehr irgendwelche Menschen für mich, sondern sie waren ganz besonders für mich geworden – nicht plötzlich, aber mit der Zeit. In gewisser Weise habe ich das erst verstanden, als viele, mit denen ich ein paar Wochen gelernt hatte, eines Tages plötzlich nicht mehr da waren. Ich hatte immer gewusst, dass das passieren würde, weil das Notquartier nur eine Übergangslösung war, bevor sie auf fixe Quartiere in andern Dörfern und Städten aufgeteilt werden. Ich wusste aber nicht, wie sich das anfühlen würde und nicht, dass ich sie wirklich vermissen würde. – Und die Geschichte, wie ich einige von ihnen dann zu Weihnachten in einem Containerdorf besucht habe, habe ich ja schon erzählt.

Ich habe keine fixe Meinung zu Obergrenzen und Richtwerten, aber bin überzeugt davon, dass es gut wäre, viel mehr miteinander in Kontakt zu treten, und dass wir mehr miteinander reden müssen – und können! Über alles.

Mehr noch als die Ereignisse in Köln berühren mich die jüngsten Hallenbad-Geschichten in Österreich. Eine Bekannte hat mir vor ein paar Tagen von ihrer Idee erzählt: Sie möchte kleine, vertraute Gesprächskreise mit jungen Flüchtlingen starten, wo man über alles sprechen kann, über Freundschaft und Liebe und Sehnsüchte und Ängste und was auch immer.

Ich finde das eine tolle Idee und habe ihr zugesagt, dass ich sie unterstütze.