Dankbarkeit

 

Bald ist Weihnachten. Ich habe je ein kleines Weihnachtsgeschenk für meine Kinder gekauft. Ich hatte keinen Kopf für mehr. Meine Kinder haben alles was sie brauchen.

Aber ich wusste tausende Geschenke für verschiedene Flüchtlinge, die ich im Laufe der Wochen kennengelernt hatte. Ich wollte zum Beispiel die Burschen beschenken, mit denen ich im Notquartier deutsch gelernt hatte und die vor ein paar Tagen in ein Containerdorf transferiert worden waren. Ich entschied mich für einen Fußball und ein paar Spiele, weil sie ja nichts tun konnten außer auf ihren Bescheid zu warten, und da ist Spielen eine gute Ablenkung. Auf den Fußball schrieb ich meine guten Wünsche für die Zukunft für sie: Glück, gute Freunde, genug Geld, Arbeit, eine Wohnung, Zufriedenheit und einiges andere mehr.

Jetzt musste ich nur noch hinfahren und ihnen die Geschenke bringen. Das klingt einfach, in Wirklichkeit ist es irgendwie nicht ganz leicht. Ich kenne sie vom Lernen im Notquartier, aber sie direkt in einem anderen Camp zu besuchen ist natürlich anders. Es ist neu für mich, und eigentlich auch für sie. Bis jetzt kennen sie mich als ihre Lehrerin. Jetzt oute ich mich als eine, die sie gesucht hat und sie wiedersehen möchte. Ich kann mich nicht vorher anmelden, ich weiß nicht, ob sie da sind, ob ich ihr Zimmer finde, wie sie reagieren werden. Es ist ein Containerdorf zwischen Bundesstraße und Autobahn mit 400 Flüchtlingen, fast ausschließlich Männer. Viele Dinge sind unvorhersehbar, aber mein Drang hinzufahren ist groß genug, dass ich es tue. Wahrscheinlich geht es beim Tun immer darum, wie groß der Drang, die Lust, die Neugier oder der innere Antrieb ist. Man kann diesen inneren Antrieb natürlich mit vielen Methoden eindämmen, damit er nicht zu groß wird und man auch gut leben kann ohne tatsächlich aktiv zu werden. Das mache ich auch oft. Aber jetzt ist es anders, ich denke nicht so viel nach und habe die Geschenke außerdem schon gekauft. Ich habe noch einen netten Burschen im Notquartier gefragt, ob er mich begleiten möchte. Zu zweit ist fast alles irgendwie leichter.

Ich werfe also die Geschenke in den Kofferraum, setze mich ins Auto und wir fahren los. Ich finde die Containersiedlung nicht gleich, dann aber stehen wir davor. Es sind mehrere zweistöckige Gebäude. Ich habe keine Ahnung, wo ich hineingehen soll. Da kommt ein Flüchtling auf mich zu, den ich ebenfalls von früher kenne. Er begrüßt mich überschwänglich, aber ich glaube, ich bin mindestens ebenso glücklich wie er, denn ich habe immerhin gleich jemanden getroffen, den ich kenne. Ich sage ihm, zu wem ich will und er bringt mich gleich in den richtigen Container. Jetzt wird plötzlich alles ganz leicht. Alle freuen sich und begrüßen mich, dann zeigt mir einer noch das Zimmer von zwei Frauen, die ich höchstens ein paar Mal kurz gesehen habe, aber auch sie wollen mich unbedingt begrüßen. Die Frauen umarmen und küssen mich. Wir können uns nicht unterhalten, aber ich spüre, wie geehrt sie sich fühlen, dass ich sie besuchen komme und wie dankbar sie mir dafür sind.

In der Zwischenzeit werden die Burschen schon unruhig. Ich habe ihnen doch versprochen gleich wieder zu kommen. Sie freuen sich natürlich riesig über meine kleinen Geschenke. Am meisten aber freuen sie sich, weil ich gekommen bin, weil ich sie nicht vergessen habe. Dafür sind sie mir unglaublich dankbar. Ich hatte ihnen während der vergangenen Wochen regelmäßig ein paar Brocken deutsch beigebracht. Wir hatten keine Zeit mehr uns zu verabschieden. Sie wissen, dass ich mich im Büro des Notquartiers erkundigen habe müssen, wohin sie überhaupt transferiert worden waren. Einige schütteln immer wieder ungläubig den Kopf. Sie können es nicht fassen, dass ich tatsächlich gekommen bin. Es ist eine riesige Freude und Dankbarkeit, ich kann sie spüren. Ihre Lehrerin hat sie gesucht und gefunden. Sie fühlen sich gesehen. Ich glaube, sie schätzen mich und es ist schließlich ein schönes Gefühl, von jemandem den man schätzt, gesucht zu werden.

In den letzten Monaten ist schon viel über das freiwillige Helfen gesagt und geschrieben worden. Aber ich weiß nicht, ob man diese Gefühle, die letztendlich durch das Helfen entstehen, durch Hören oder Lesen wirklich nachempfinden kann. Die Dankbarkeit zum Beispiel. Es sind nicht nur die anderen dankbar, die man beschenkt. Ich bin nämlich auch dankbar für einiges, was ich spüren und erleben durfte.

6 Gedanken zu „Dankbarkeit

  1. Sabine

    Liebe Veronika,
    deine Geschichten berühren mich sehr! Weil ich Dich kenne, fühle ich ganz anders mit als würde ich eine solche Geschichte in einem Journal lesen. Darf man deinen Blog auch anderen schicken?

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  2. Christina Rakebrandt

    Liebe Veronika,
    erst jetzt lese ich diesen Text von Dir und bin erneut berührt von Deiner Erfahrung und beeindruckt von Deiner Art zu Schreiben. Und ich frage mich, wie es Dir inzwischen ergeht, nachdem Deine Auszeit vorüber ist. Welche Spuren hat Dein Ausflug in Deinem Wahrnehmen und in Deinem Tun hinterlassen?
    Vielen Dank für’s Teilen!
    Christina

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  3. bewunderer

    Danke, dass du das machst und dass ich das lesen darf. Da geht einem das Herz auf. Das sollte doch auch auf die Leute wirken, die Flüchtlinge fürchten oder gar hassen.
    Ist auch hervorragend geschrieben.
    Walter E

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    Antwort

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