Archiv für den Monat Dezember 2015

Dankbarkeit

 

Bald ist Weihnachten. Ich habe je ein kleines Weihnachtsgeschenk für meine Kinder gekauft. Ich hatte keinen Kopf für mehr. Meine Kinder haben alles was sie brauchen.

Aber ich wusste tausende Geschenke für verschiedene Flüchtlinge, die ich im Laufe der Wochen kennengelernt hatte. Ich wollte zum Beispiel die Burschen beschenken, mit denen ich im Notquartier deutsch gelernt hatte und die vor ein paar Tagen in ein Containerdorf transferiert worden waren. Ich entschied mich für einen Fußball und ein paar Spiele, weil sie ja nichts tun konnten außer auf ihren Bescheid zu warten, und da ist Spielen eine gute Ablenkung. Auf den Fußball schrieb ich meine guten Wünsche für die Zukunft für sie: Glück, gute Freunde, genug Geld, Arbeit, eine Wohnung, Zufriedenheit und einiges andere mehr.

Jetzt musste ich nur noch hinfahren und ihnen die Geschenke bringen. Das klingt einfach, in Wirklichkeit ist es irgendwie nicht ganz leicht. Ich kenne sie vom Lernen im Notquartier, aber sie direkt in einem anderen Camp zu besuchen ist natürlich anders. Es ist neu für mich, und eigentlich auch für sie. Bis jetzt kennen sie mich als ihre Lehrerin. Jetzt oute ich mich als eine, die sie gesucht hat und sie wiedersehen möchte. Ich kann mich nicht vorher anmelden, ich weiß nicht, ob sie da sind, ob ich ihr Zimmer finde, wie sie reagieren werden. Es ist ein Containerdorf zwischen Bundesstraße und Autobahn mit 400 Flüchtlingen, fast ausschließlich Männer. Viele Dinge sind unvorhersehbar, aber mein Drang hinzufahren ist groß genug, dass ich es tue. Wahrscheinlich geht es beim Tun immer darum, wie groß der Drang, die Lust, die Neugier oder der innere Antrieb ist. Man kann diesen inneren Antrieb natürlich mit vielen Methoden eindämmen, damit er nicht zu groß wird und man auch gut leben kann ohne tatsächlich aktiv zu werden. Das mache ich auch oft. Aber jetzt ist es anders, ich denke nicht so viel nach und habe die Geschenke außerdem schon gekauft. Ich habe noch einen netten Burschen im Notquartier gefragt, ob er mich begleiten möchte. Zu zweit ist fast alles irgendwie leichter.

Ich werfe also die Geschenke in den Kofferraum, setze mich ins Auto und wir fahren los. Ich finde die Containersiedlung nicht gleich, dann aber stehen wir davor. Es sind mehrere zweistöckige Gebäude. Ich habe keine Ahnung, wo ich hineingehen soll. Da kommt ein Flüchtling auf mich zu, den ich ebenfalls von früher kenne. Er begrüßt mich überschwänglich, aber ich glaube, ich bin mindestens ebenso glücklich wie er, denn ich habe immerhin gleich jemanden getroffen, den ich kenne. Ich sage ihm, zu wem ich will und er bringt mich gleich in den richtigen Container. Jetzt wird plötzlich alles ganz leicht. Alle freuen sich und begrüßen mich, dann zeigt mir einer noch das Zimmer von zwei Frauen, die ich höchstens ein paar Mal kurz gesehen habe, aber auch sie wollen mich unbedingt begrüßen. Die Frauen umarmen und küssen mich. Wir können uns nicht unterhalten, aber ich spüre, wie geehrt sie sich fühlen, dass ich sie besuchen komme und wie dankbar sie mir dafür sind.

In der Zwischenzeit werden die Burschen schon unruhig. Ich habe ihnen doch versprochen gleich wieder zu kommen. Sie freuen sich natürlich riesig über meine kleinen Geschenke. Am meisten aber freuen sie sich, weil ich gekommen bin, weil ich sie nicht vergessen habe. Dafür sind sie mir unglaublich dankbar. Ich hatte ihnen während der vergangenen Wochen regelmäßig ein paar Brocken deutsch beigebracht. Wir hatten keine Zeit mehr uns zu verabschieden. Sie wissen, dass ich mich im Büro des Notquartiers erkundigen habe müssen, wohin sie überhaupt transferiert worden waren. Einige schütteln immer wieder ungläubig den Kopf. Sie können es nicht fassen, dass ich tatsächlich gekommen bin. Es ist eine riesige Freude und Dankbarkeit, ich kann sie spüren. Ihre Lehrerin hat sie gesucht und gefunden. Sie fühlen sich gesehen. Ich glaube, sie schätzen mich und es ist schließlich ein schönes Gefühl, von jemandem den man schätzt, gesucht zu werden.

In den letzten Monaten ist schon viel über das freiwillige Helfen gesagt und geschrieben worden. Aber ich weiß nicht, ob man diese Gefühle, die letztendlich durch das Helfen entstehen, durch Hören oder Lesen wirklich nachempfinden kann. Die Dankbarkeit zum Beispiel. Es sind nicht nur die anderen dankbar, die man beschenkt. Ich bin nämlich auch dankbar für einiges, was ich spüren und erleben durfte.

Erster Tag

Ich habe mich in einer doodle-Liste im Internet eingetragen, um zum ersten Mal von 8.00 -13.00h in einem Notquartier in der Nähe zu helfen. Es ist so nahe, dass ich von meinem Schlafzimmerfenster das Gebäude sehe. Der Eingang ist nicht zu verfehlen. Flüchtlinge in Nylonsackerln gehen aus und ein. Ich stehe mit 3 weiteren freiwilligen Helferinnen vor dem Büro. „Ihr seid Frauen, ihr wisst was zu tun ist, ihr habt den Überblick, ihr seid hier die Chefin!“, ist die kurze, lautstarke Anweisung, die wir von einer Frau mit ausländischem Akzent bekommen. Wir sehen uns unsicher lächelnd an. Eine von uns war schon mal hier, sie erklärt uns alles, die anderen beiden sind wie ich das erste Mal da. Dann kommt noch ein weiterer Helfer.

Zwei Freiwillige beginnen in der Küche Gemüse zu schneiden. Ich stehe unschlüssig daneben, es ist eigentlich kein Platz für eine dritte Person in der winzigen Küche. Sofort beginnen alle zu reden: Was machst du beruflich, wieviel Zeit hast du, bist du zum ersten Mal da,…? Es sind interessante Gespräche. Beide freiwilligen Helfer, die Karotten und Gurken schneiden, sind selbständig, ein Programmierer und eine Web-designerin. Es ist trotzdem kein Platz für mich in der Küche.

Ich stehe noch immer ohne eine richtige Arbeit herum. Im Anschluss an die Küche befindet sich ein großer Raum mit Biertischen und Bänken, auf den Tischen am Rand stehen einige Lebensmittel: Toastbrot, Nutella, Joghurt, Taboulé, Humus, daneben schmutziges Geschirr, gebrauchte Tassen. Es sitzen nur einige wenige Flüchtlinge im Raum. Alles sieht für meine Begriffe kalt und unappetitlich aus. Ich habe den Drang einfach aufzuräumen, die Dinge zu ordnen, den Raum schöner zu gestalten. Ich beginne den Mist wegzuräumen und versuche aus den Lebensmitteln ein netteres Buffet zu gestalten. Gleichzeitig ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken, ob das überhaupt Sinn macht. Ich kenne diese Selbstgespräche von mir, in denen ich mich bis zum Erbrechen mit der Sinnfrage auseinandersetze. Jetzt bekommen sie eine neue Dimension: Wie schön, wie gemütlich darf/soll es in einem Flüchtlingslager, genauer gesagt in einem Notquartier, sein? Macht es Sinn dort Dinge zu verschönern? Die Menschen sollen ohnehin so rasch wie möglich in fixe Quartiere übersiedeln.

Zwei Freiwillige, junge Frauen, setzen sich hin und frühstücken. Sie erklären mir, sie hätten die Aufgabe bekommen, in einem der oberen Stockwerke das Waschbecken zu reparieren, aber sie bräuchten dazu eine Rohrzange, die es hier nicht gäbe und sie würden sich nur mal schnell vorher stärken. Sie sind begeistert, als ich anbiete zu mir nach Hause zu fahren und eine Rohrzange zu holen. Ich wohne ja ganz in der Nähe. Endlich habe ich etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Als ich wieder komme, sitzen sie noch dort und plaudern. Inzwischen kommt ein „richtiger“ Mitarbeiter und fragt forsch, ob die beiden schon das Waschbecken repariert hätten. Ich glaube, er ist Türke. Er sieht müde und genervt aus und erklärt uns ziemlich unwirsch, dass man dazu keine Zange bräuchte; jemand hätte das Siffon unter dem Becken abgeschraubt und wir sollten es einfach wieder an den Unterteil des Waschbeckens anschrauben. Wir schauen uns etwas unschlüssig an. Ich will verhindern, dass die Situation eskaliert und erkläre daher schnell, dass ich das schon erledige. Alle sind mir dankbar. In Wirklichkeit habe noch nie ein Waschbecken repariert und habe keine Ahnung, worauf ich mich da eingelassen habe. Aber in jedem Fall ist es eindeutig eine sinnvolle Aufgabe – und noch dazu eine richtige Herausforderung, das mag ich.

Ich suche also das kaputte Waschbecken. Es ist grauenvoll. Unter dem Waschbecken eingeklemmt steht ein großer Mistkübel, er ist voll mit Wasser und Müll und schwappt noch dazu immer wieder über. Jemand hat ihn einfach unter das Abflussrohr gestellt. Der ganze Raum ist überschwemmt. Neben den Klos liegt Klopapier, das einige der Flüchtlinge wohl nicht ins Klo werfen wollten, weil es in ihrem Land so üblich ist. Mir wird schnell klar: Ich kann das unmöglich alleine machen. Ich gehe hinunter zu den anderen. Wer könnte mir helfen? Ich sehe mir die freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kurz an, ich kenne niemanden. Dann entscheide mich, den einzigen Mann zu fragen.

Gemeinsam leeren wir Stück für Stück mit Plastikhandschuhen den Mistkübel und schütten dazwischen immer wieder das Dreckwasser aus. Schließlich finden wir wirklich am Boden des Mistkübels das Siffon. Es ist eine grausige Arbeit, aber zu zweit ist es irgendwie nicht so schlimm. Ich glaube, ich habe genau den richtigen Freiwilligen ausgesucht, er ist supernett, unkompliziert und hat früher auf einer Tankstelle gearbeitet und alle möglichen Drecksarbeiten gemacht, erzählt er. Das ist nichts dagegen.

Bevor ich nach Hause gehe treffe ich den Mitarbeiter von vorhin wieder. Er ist kein Türke sondern Österreicher. Ich frage ihn, wie es ihm geht. Er sagt, er sollte eigentlich gar nicht mehr hier sein, aber es ist so viel zu tun hier, er käme einfach nicht weg und habe viel zu wenig geschlafen. Ich spüre, dass er vorhin bestimmt nicht unfreundlich sein wollte und finde ihn jetzt richtig nett. Ich kenne mich ja nicht wirklich aus hier, wie das so läuft, sage ich ihm dann noch zum Abschied, aber ich glaube du solltest jetzt einfach bald nach Hause gehen.