Fluchtgeschichte

Montag morgen:

Ich habe mir ein Treffen mit T. ausgemacht.

Seit etwa Anfang des Jahres betreue ich von Zeit zu Zeit eine Wohngemeinschaft mit afghanischen Burschen. Sie haben früher in einer Betreuungsstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gewohnt; wenn sie 18 sind, müssen sie aus der Betreuungsstelle ausziehen. Diese Burschen haben Glück, denn durch einen Sponsor konnte eine Wohnung für sie in der Nähe angemietet werden können. Bisher war ich nicht sehr oft dort, etwa einmal monatlich oder alle zwei Monate, aber hin und wieder bin ich über whatsapp mit ihnen in Kontakt.

T. kenne ich seit etwa 2 Jahren. Ich habe mit ihm schon für den Hauptschulabschluss gelernt. Er wartet nun seit vielen Monaten auf seinen Asylbescheid und darf nichts arbeiten, dabei wünscht er sich nur dieses eine, arbeiten zu können.

Ich lade ihn ein zu mir zu kommen und mir im Garten zu helfen. Wir sitzen auf dem Sofa. Ich frage ihn, wie es ihm geht. Eine Routinefrage, wie soll es ihm schon gehen. Er kann nichts tun. Hätte er eine echte Perspektive, dann könnte er eine Ausbildung machen, oder eine weiterführende Schule. Ich frage ihn, wie sein Tag aussieht. Er steht gegen Mittag auf, kocht und putzt, surft im Internet, dann geht er Fußball spielen.

Spielen und arbeiten sind in gewisser Weise ähnlich Dinge, weil sie uns vergessen lassen.

Ich habe nachgedacht, was ich für T. tun könnte. Ich glaube, es geht nur um das Jetzt, so wie eigentlich bei uns allen, bei ihm aber noch mehr. Er hat keinen vorgezeichneten Weg vor sich, es geht nur darum, jetzt diesen Augenblick und heute diesen Tag erträglicher machen. Er kann nichts tun außer auf seinen Bescheid zu warten. Ich möchte ihm das Warten erträglicher machen.

Ich habe für unseren Garten eine Eibe gekauft. Außerdem liegen viele Blätter im Gras. T. hilft mir im Garten, mir wird nach 10 Minunten ohnehin kalt und mein Handy läutet. Er pflanzt Bäume und Sträucher um und rechnet die Blätter zusammen. Nach zwei Stunden muss er ins Training. Ich glaube, er freut sich, dass er mir helfen konnte.

Nach drei Tagen geschieht ein Wunder. Der Rechtsberater, den ich schon früher kennen gelernt habe, erzählt mir, dass T. einen Verhandlungstermin am Verwaltungsgericht hat. Ich freue mich riesig und rufe ihn gleich an.

Ein paar Tage später meldet der Berater sich nochmal. Er bittet mich, mit T. seine Fluchtgeschichte durchzugehen. Er erklärt mir, wie wichtig es ist, dass T. sich an alles erinnert. Dass er nicht vergisst. Seine erste Einvernahme ist ja schon einige Jahre her. Er war damals 15.

Ich lade T. zu mir ein und wir besprechen seine Geschichte, ich muss einige Male schlucken, ich bin fassungslos. Ich glaube, wenn ich er wäre würde ich diese Geschichte gerne vergessen. Zum ersten Mal reden wir über seine Vergangenheit, seine Mutter, seinen toten Vater, seine Geschwister, und warum er geflüchtet ist. Ich merke, wie schwer es für mich ist wirklich zu verstehen, dass ein Mensch neben mir sitzt, der das, was ich in Zeitungen lese und im Radio höre, wirklich erlebt hat. Es ist seine Geschichte, es ist echt. Gott sei Dank ist alles schwarz auf weiß aufgeschrieben. Ich weiß nicht, ob ich es sonst realisieren würde. Wir gehen die Geschichte durch, dann falten wir den Zettel wieder zusammen und können die Geschichte wegstecken. Sie ist jetzt wieder weg und wir verabschieden uns.

Eine Woche später erzählt mir der Rechtsberater, dass T. Asyl bekommen hat. T. ist glücklich wie noch nie. Auch ich hab mich selten so für jemanden gefreut.

 

 

Ein Gedanke zu „Fluchtgeschichte

  1. Christina Rakebrandt

    Liebe Veronika,
    vielen Dank für’s Teilen! Durch Dich fühle ich mich auch etwas mehr verbunden.
    Und es berührt mich sehr, dass T. (vielleicht kann er doch einen Namen bekommen?) in Dir jemanden hat, der mit dem Herzen zuhört.
    Christina

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